Dienstag, 5. März 2013

Fünfzig


Fünfzig werden ist nicht schwer, Fünfzig sein dagegen sehr


ich hatte das Gefühl, daß ihm jede Bewegung eine Qual sein mußte, das Bild von furchtbarem Schmerz, so wie bei Zahnweh, als ich meinen ersten Zahn verloren hatte, fraß sich immer dann in meinem Kopf fest, wenn der Großvater aufstand.

Ein großer, ein sehr großer Mann, fast bis zur Decke schien er zu wachsen, sobald er aus seinem alten braunen Ledersessel nach oben kam. Der Sessel dagegen schien sich einige Zentimeter nach oben zu strecken, zuerst die Sitzfläche, schon etwas brüchig, kleine, feine RIsse in dem dunklen Leder von hinten nach vorn über den Sitz laufend, und sobald er seine Hände von den Lehnen gelöst hatte schien der ganze Sessel befreit aufzuatmen. Manchmal hörte ich die Federn bewußt einen hellen Laut geben, ich stellte mir ein lustiges Entspannen vor, während sie sich eher dumpf zu Wort meldeten, wenn er später seinen massigen Körper wieder hineinfallen ließ.

Das im Sessel unten runde Federn waren hatte ich gesehen, als mir eine Murmel, meine einzige Murmel beim Spielen unter den Sessel gerollt war. Zuerst hatte ich versucht mit der Hand danach zu angeln, allerdings war selbst die kleine schmale Hand eines Siebenjährigen zu dick für den kleinen Abstand zwischen Unterkante und Fußboden gewesen, dann hatte ich es mit dem Stock meines Lampions versucht, auch dies gelang nicht, da ich nicht merkte, wo genau die Kugel war. Schon fast verzweifelnd hatte ich mich zum Überlegen des weiteren Vorgehens neben den Sessel gehockt, den Opa zu stören wagte ich mich auch nicht, weil dieser so konzentriert in seine Zeitung sah, auf der ersten Seite las ich eine große schwarze Überschrift, ‘Das Volk’.

Später würde ich lernen, daß dies die Bezirkszeitung war und das die Menschen all das, was sie dort lasen, als Wahrheit akzeptieren sollten. Noch oft würde mir der Satz, “Aber es hat doch so in der Zeitung gestanden”, als pure Inkarnation der objektiven Realität erscheinen und erst sehr viel später würde ich selbst die Belanglosigkeit und Kurzlebigkeit von Zeitungen und deren Texten tatsächlich verstehen können. Aber noch war ich davon weit entfernt. Die Murmel war weg!

Der nächste Versuch sie irgendwie doch noch zu erreichen, den schmalen Arm wieder bis über das Handgelenk unter den Sessel gepresst, nichts zu fühlen. Ein Blick über die Lehne, mißbilligend, ‘Siehst Du nicht, das ich Zeitung lese’, keine Frage, eher eine Anklage, ich kleiner Wicht störe ihn bei der wichtigen Aktivität des Zeitunglesens.

‘Meine Kuller’, wir sagen in unserem Dorf Kuller, nicht Murmel, ‘meine Kuller liegt unter deinem Sessel’.

Langsam legt er die Zeitung beiseite, sieht noch einmal über die Lehne auf mich herunter, langsam steht er auf, er greift nach den Seitenlehnen, stützt sich darauf und hievt sich langsam nach oben, er stöhnt laut, ich denke vor Schmerz, der Sessel stöhnt auch, eher befreit, er kippt den Sessel nach vorn, damit ich meine Murmel holen kann und in dem Moment sehe ich auch die Metallfedern, die unten auf Bändern aufsitzen.

Ich schnappe meine Murmel, ein Schatz, es ist ja die einzige, die ich besitze, ‘danke Opa’. Er stellt den Sessel wieder zurück an seinen alten Platz, mehrfach mustert er die Lage, so als müsse alles auf den Millimeter genau stimmen und lässt sich mit einem lauten Stöhnen wieder in den Sessel fallen. Ich habe das Gefühl, alles, aber auch alles müsse ihm weh tun, schlimmer noch als der kurze Schmerz, als mein erster Zahn herausgefallen ist.

Später frage ich meine Großmutter, was der Opa hat, er stöhnt immer so laut. Die Antwort ist kurz und bündig, ‘der hat nichts, der stöhnt immer’. Ja, aber warum stöhnt er dann, wenn er nichts hat? ‘Er ist eben über fünfzig!’

Begriffen habe ich das damals nicht, ‘er ist eben über fünfzig’.

Heute weiß ich, was damit gemeint war.

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