... da scheint das Leben Fahrt aufzunehmen, man wird überrascht durch Wendungen, mit denen man zumindest zum Zeitpunkt so gar nicht gerechnet hat.
Wir sind ja in Deutschland ein gar seltsames Völkchen geworden, überlegend, planend, uns Sorgen machend was in den nächsten Stunden, Tagen, Monaten, ja Jahren passieren wird.
Dabei wissen wir nichts, gar nichts, wir wissen nicht was in fünf Minuten passieren wird oder morgen, geschweige denn im nächsten Jahr, aber wir machen uns Sorgen darum.
In der nächsten Minute kann uns der Schlaganfall ereilen oder ich kann heute Nacht im Bett vom Schlaf getroffen werden, wir können morgen eine vielleicht tödliche Krankheit diagnostiziert bekommen oder wir können uns in einigen Jahren bei guter Gesundheit, allerdings etwas dappliger an einem völlig anderen Ort wiederfinden.
Ich bin auch ein Spezialist dafür mir Gedanken zu machen, meist bedenkliche, bedrohliche, manchmal möchte ich vor ihnen davon laufen oder - seltener - möchte ich sie beschleunigen.
Die interessantesten Gedanken kommen mir nachts, wenn ich nicht schlafen kann und von einer Seite auf die andere rolle, ich finde sie wichtig, spinne sie aus, möchte sie festhalten, bin überzeugt am Morgen dort ansetzen zu können ... und wenn die Sonne aufgeht sind sie weg, einfach weg, spurlos.
Aber es gibt auch Zeiten, da fehlen mir Gedanken, dann fühle ich ein schmerzhafte Leere im Kopf, Desinteresse, Sinnlosigkeit, ich gehe von einer Stelle zur anderen, unruhig, rastlos, suche das Alleinsein, aber auch das empfinde ich schon nach kurzer Zeit als unerträglich.
Gestern und heute waren so Tage, scheinbar nutzlos, wie ein Klotz am Bein ... bis, ja bis heute eine Nachricht kam, mit der ich nicht im Traum gerechnet hatte.
Und plötzlich ist das Triste weg, meine Gedanken fangen wieder an zu arbeiten, eine neue Lebenssituation und ich brauchte gar nicht mal was dafür tun, danke.
Dienstag, 19. März 2013
Donnerstag, 14. März 2013
Ein defizitäres Leben …?
Es ist am Ende einer gemeinsam gestalteten Weiterbildungsveranstaltung als der Kollege mich beim letzten gemeinsamen Stehkaffee mit der Feststellung überrascht, dass er das erste Mal im Osten ist.
Nun ist das so überraschend nicht, berichten doch viele Menschen aus den gebrauchten deutschen Bundesländern voll Stolz darüber, dass sie selbst 20 Jahre nach Fall der Mauer noch nie im Osten gewesen sind, das wohl auch niemals tun werden, da sie überhaupt nicht wissen, was sie dort sollen und dass der Osten doch nur das Geld des Westens ausgibt, usw. usw.
Aber von diesem Kollegen aus einer Hochschulstadt in NRW habe ich das nicht erwartet, eigentlich weniger die Tatsache an sich, sondern vielmehr die Form in der er diese ungeheuerliche Tatsache vorträgt. Er beugt sich über den Tisch, versucht mir dabei möglichst nahe zu kommen, etwas was ich nicht mag und was mich wiederum zum Ausweichen zwingt, er beugt sich weiter vor, seine Krawatte tangiert die volle Kaffeetasse, nach einem sichernden Blick nach rechts und links raunt er mir zu, ‘ich bin das erste Mal im Osten!’’. Er richtet sich auf, schüttelt die kaffebekleckerte Krawatte, was wiederum dazu führt, daß einige Tropfen Kaffee auf seinem Chemisette landen, seine Hand fährt darüber, verreibt die braune Brühe im weißen Stoff, was das Hemd, das seine besten Zeiten sichtbar hinter sich hat, auch nicht schöner macht!
Er stöhnt, schaut mich an, zuckt die Schultern, schließt mit spitzen Fingern das Jackett, dessen Zustand häufigen Gebrauch verrät, nur um festzustellen, dass es über dem Bauch sehr spannt und somit auch nicht ansehnlicher wird, er versucht dem Dilemma zu entfliehen, indem er mich fragt, ob wir uns nichts setzen wollen, da ich sowieso wenig Lust zu einem hochphilosophischen Gespräch über den ersten Besuch eines geborenen westdeutschen Professors in einer ostdeutschen Großstadt habe, lehne ich freundlich lächelnd ab, ‘da wir ja heute schon genug gesessen haben’. Ich genieße sein Unbehagen.
Meine Hoffnung, sein Unbehagen möge über seinen Wunsch nach einem Gespräch siegen wird nicht erfüllt, er bleibt, nachdem er den Jackenknopf wieder geöffnet hat.
Vorsichtshalber nimmt er sich statt der gefährlichen Kaffeetasse ein Wasser bevor er sich wieder zu mir beugt, ‘sie sind doch Ostdeutscher...?’. ‘Ja..., ‘, ‘Auch hier geboren...?’, er verdreht die Augen, so als hoffe er, dass ich ihm bestätigen möge, dass mir wenigstens dieses schwere Los erspart geblieben ist.
Er sieht mich so mitleidig an, dass ich befürchte, dass ihm sofort die Tränen ausbrechen, sie tun es nicht, ‘Wie haben Sie das nur ausgehalten im Osten mit diesen ganzen Defiziten, sie sind doch ganz intelligent...’, ich bin ihm dankbar, dass er mir das zugesteht, gleichzeitig merke ich, wie mein Stresspegel steigt, ich verabschiede mich mit einer wortlosen Geste und gehe...
Auf der Fahrt in meinen thüringischen Heimatort denke ich über meine Defizite nach?
Ja, in meiner Jugend, Jahrgang 1949, habe ich im Osten Deutschlands keinen Luxus erlebt, wir hatten zu Essen, ein Dach über dem Kopf, ich hatte Kleidung, wenn auch keine WestJeans und selten Bananen, später waren meine Reisemöglichkeiten beschränkt und mein Auto defizitär. Ich konnte studieren, hatte Arbeit, meine Kinder hatten die Möglichkeit Bildung zu genießen und ich brauchte die Haustür nachts nicht abschließen, weil sowieso niemand zum Stehlen kam. Das was ich hatte hatten fast alle Anderen auch und warum hätte es also jemand stehlen sollen und es ist mir auch nie passiert. Ich war unzufrieden, wenn in meinem Beruf die Möglichkeiten zur Forschung reglementiert wurden und wenn die materiellen Voraussetzungen dafür jämmerlich waren. Das habe ich auch defizitär erlebt.
1989 waren meine Frau und ich in Leipzig auf der Straße, wir wollten eine andere, modernere dynamischere DDR, aber auch ein Land, in dem niemand seine Tür zuschließen muss. Dieses Ziel haben wir uns nehmen lassen.
Jetzt kann ich fast alles haben, ich habe gelernt, dass ich das Meiste davon nicht brauche, ich habe es eingetauscht gegen ein egoistischeres Leben und gegen viele Schlösser, die mich von anderen Menschen trennen.
Jetzt lebe ich tatsächlich defizitär!
Aber wenn ich dem Kollegen aus der Universitätsstadt in NRW versucht hätte genau dies zu erklären, er hätte es nicht verstanden, möglicherweise ärgert er sich noch immer über seinen nassen Schlips und das kaffeebekleckerte Hemd.
Sonntag, 10. März 2013
"Sießer Seled ..."
... in den vergangenen Wochen war der Himmel
über der Stadt grau gewesen, heute nun der erste schöne Tag in Hamburg, ein
dienstliches Gespräch, danach ein Gang, hastig, mit aufgesetzter Verbindlichkeit,
durch die Straßen hin zur Alster, ein kurzes gemeinsames Mittagessen, mehr
Höflichkeit, denn persönliches Anliegen.
Gegenüber dem altehrwürdigen, seit mehr als
100 Jahren am Ort eingesessenen Hotel, nehmen wir auf der Terrasse direkt an
der Binnenalster Platz. Schnell lerne ich aus der Präsentation, dass ich ‚auf
diese Möglichkeit auch bei kühlem Wetter unter Heizpilzen wohlige Wärme an
einem lauschigen Plätzchen genießen, mich durch erstklassige Speisen und einen
hervorragenden Service verwöhnen zu lassen, immerhin gestandene 109 Jahre
gewartet habe’. Na gut, sei es wie es sei ...
Ledergebundene Speisenkarten, bevor ich einen
Blick in die Auflistung, ‚erstklassiger Speisen’, werfen kann, „ .. was wollen
wir essen?“ Eigentlich ist es keine Frage, ein Vorschlag, es klingt wie:
„sießer seled“, beifälliges Murmeln, „sießer seled“! Vorstellen kann ich mir
darunter nichts, süßer Salat? Meine Mutter machte früher immer süßen Salat.
Grüner Salat in Milch und mit Zucker bestreut, eine Reminiszenz an meine Kindheit,
warum nicht? Auf jeden Fall nicke ich, als ich imperativ gefragt werde, ob ich
mich anschließe.
Einige Minuten Zeit, ein müde plätscherndes
Gespräch, Vater und Sohn wollen in den nächsten Tagen zusammen angeln; „ ... an
der Nordsee?“, fast mitleidig die Antwort, „ ... nein, wir fliegen nach
Marokko“. „Weißt Du noch das Essen, damals in dem tollen Restaurant? Wo war das
doch gleich? Ach so ja, das war doch, als wir das letzte mal über’s Wochenende
in San Francisco waren..“. Ein kurzer Einschub zur Qualität von Trinkwasser in
Deutschland, immerhin ist einer der Herren am Tisch Master Sommelier... Ich
verstehe immerhin, dass das Trinkwasser aus den Leitungen Leipzigs von
hervorragender Qualität mit sehr angenehmem Geschmack, wenn auch mit einer
leichten Kork-Note ist.
‚Sießer Seled’ wird serviert, junge Männer mit
langen weißen Schürzen kredenzen die Teller mit wichtigster Miene und
filmreifem Schwung, dreimal ‚sießer Seled’ mit Riesengarnelen, für den
Außenseiter, mich, gibt es ‚sießen Seled’ pur. In dem Augenblick bedauere ich
leicht Vegetarier zu sein, würden auf meinem winzigen Teller mit kleingehacktem
Salat sonst doch wenigstens noch drei Garnelen zu erwarten sein. So finde ich
einige, wenige Bissen gehäckselten Salat mit etwas Dressing, 2 halbe Cocktailtomaten,
vielleicht war es vorher sogar eine ganze, ein paar Krümel geraspelten Käse,
dazu doch tatsächlich 2 Salzstangen...
Ich esse meinen ‚sießen Seled’, aus den
kleinen, tiefen Tellern sind die Salatkrümel schlecht heraus zu bekommen, so
verwundert es mich nicht, dass ich mich noch mühe, als die Anderen schon ihren
Teller mit beifälligen Geräuschen garniert geleert haben. Mich beschleicht das
Gefühl, dass ich wahrscheinlich mehr Energie investiere, um die Salatschnipsel
vom Teller zu klauben, als diese ‚erstklassige’ Speise meinem Körper zuführen
wird. Aber immerhin habe ich 109 Jahre darauf gewartet, dass ich dies hier über
der Alster erleben darf... Mahlzeit!
Das Gespräch strebt seinem Kulminationspunkt
entgegen, dreht sich um soziale Differenzen in diesem, unserem Land, um die
soziale Schere, die immer weiter auseinander klafft, um soziale Spannungen, die
sich daraus entwickeln, um „Rechts und Links“, um Rattenfänger und Dekadenz ...
„Nein, mit der Karte können Sie hier leider
nicht bezahlen mein Herr,“, es tut dem schwitzenden jungen Kellner sichtbar
leid, er krümmt sich bei der Ansage, als erwarte er für diese schnöde Auskunft
zur hingehaltenen Platin Card persönlich Prügel, „... leider funktioniert unser
kabelloses Lesegerät heute nicht über die Straße bis zum Mutterhaus...“, er
sagt tatsächlich „Mutterhaus“, verhaspelt sich, Schweißperlen stehen auf seiner
Stirn ... er tut mir leid, Dekadenz?
Im Aufstehen werfe ich doch einen Blick in die
ledergebundene Speisenkarte, ‚sießer seled’, finde ich nicht, nur ‚Caeser
salad’. Später, zu Hause, lerne ich das es wohl wirklich etwas Besonderes sein
soll, wegen des Dressings. Für mich ist es in diesem Moment nur
kleingeschnittener Salat mit Soße und zwei Salzstangen, von dem ich dazu noch
nicht einmal satt geworden bin, aber ich bin chauvinistisch froh, meine
Unkenntnis nicht am Tisch gezeigt zu haben.
Wir steigen von der Terrasse einige Stufen in
Richtung oberes Alsterufer, auf der Treppe sitzen zwei Stadtstreicher mit ihren
Hunden und mich beschleicht Unbehagen bei dem Gedanken, dass das Geld für
unseren ‚sießen Seled’ Mann und Hund sicher eine Woche satt gemacht hätte. Ich
versuche auszuweichen, um nicht über die demonstrativ ausgestreckten Beine der
Beiden steigen zu müssen. Es gelingt mir nicht, ich blicke weg, Dekadenz ... ?
Die neue Wichtigkeit ...
Die neue Wichtigkeit ...
... Berlin Hauptbahnhof, Donnerstag, später Nachmittag eines sonnenreichen Tages, interessante Gespräche mit scheinbar wichtigen Menschen liegen hinter und ich spüre in mir das angenehme Gefühl, oder besser die Hoffnung, dass sich vielleicht ein Teil von deren Wichtigkeit auch auf mich übertragen hat. Meine Stimmung ist gut, ich fühle mich wohl bei dem Gedanken, dass ich meinen Platz im Kreis wichtiger Menschen gefunden habe.
Hastig gehe ich zum Reisezentrum, der Versuch noch eine Platzkarte für den Zug nach München zu bekommen scheitert bereits an der Konstellation zwischen der langen Schlange vor dem Servicestand, dem Blick auf die Uhr und dem Vergleich mit der Abfahrtszeit – keine Chance, meine freudige Stimmung erhält einen heftigen Dämpfer. Die Glastür zum SB-Terminal, eine Reihe von Automaten, nie geübt, mein Gefühl von gerade erlangter Wichtigkeit verfliegt zusehends - ich muss zum Zug!
Eine Stimme neben mir, „... sie sehen so hilflos aus, kann ich ihnen helfen ...“, eine Frau, nicht mehr jung, klein, nicht auffällig, in der Kleidung einer Bahnangestellten, bis zu diesem Moment hatte ich sie nicht wahrgenommen und wahrscheinlich hätte ich es auch nicht getan, wenn sie mich nicht angesprochen hätte. „... ja, vielleicht, ich wollte schnell noch eine Platzkarte für den Zug nach München, aber ich kann das hier nicht ...“. Sie lächelt, fasziniert sehe ich, wie ihre Finger scheinbar schwerelos über die Tastatur huschen, Finger, die nicht mehr jung sind, nicht sehr gepflegt, die mir jetzt aber wie personifizierte Wunder erscheinen, ihren Weg schnell und zielsicher finden, mich aus meiner Hilflosigkeit befreien, ich beobachte sie mit einem Gefühl aufsteigender Dankbarkeit. „Tut mir leid, aber eine Expreßreservierung ist nicht mehr möglich.“ Die immer noch freundliche Stimme der Frau reißt mich aus meinen schwärmerischen Gedanken über ihre hilfreichen Finger, selbst ihre Versicherung, dass der Zug auf keinen Fall voll sein wird, beruhigt mich nicht – ich habe, trotz meiner gerade heute erworbenen neuen Wichtigkeit nun im Zug keinen eigenen Platz!.
„... es fährt ein der ICE zur Weiterfahrt nach München über Leipzig...“, eine blecherne, echte, vielleicht elektronische Stimme auf dem Tiefbahnsteig gibt die Information, an mich, an die Menschen um mich herum, wir hoffen, dass die Bahn kommt.
Ich stehe in einer Gruppe von Menschen, die wie ich, nur darauf zu warten scheint, dass der Zug, der wie eine weiße Schlange mit roten Streifen immer langsamer werdend vor uns über die Gleise kriecht, endlich stehen bleibt. Ich spüre es in mir, bei den Menschen um mich herum, wie die Spannung steigt, jede Geste, jede Bewegung scheint die Hoffnung zu signalisieren, dass eine Tür unmittelbar vor dem eigenen Standplatz zum Halten kommen möge, so als gelte es davon Besitz zu ergreifen, um sich einen, seinen Platz im Zug zu sichern.
Besonders viele Menschen sind es nicht auf dem Bahnsteig, aber jeden Einzelnen empfinde ich in diesem Moment als potentiellen Konkurrenten ein Blick durch die Fenster des haltenden, aber immer noch vorbei rollenden Zuges zeigt, dass dieser fast leer ist, aber seltsamerweise beruhigt es mich nicht, die Unruhe um mich herum spüre ich, sauge sie fast begierig auf, merke, wie sie von mir immer mehr Besitz ergreift - ich will meinen Platz!
Der Zug hat gehalten, eine Tür unmittelbar vor mir, dazwischen vielleicht zehn Menschen. Ich nehme zur Kenntnis, dass sie zwischen mir und der Tür stehen, empfinde sie als Hindernis auf meinem Weg zu meinem Platz, nehme sie aber als Menschen kaum wahr, Schatten, Schemen, Umrisse, Masse. Niemand wird offen aggressiv, alles verläuft kultiviert, trotzdem ein Schieben und Drängen, sehr versteckt, ein hartes Kofferrad, das über meinen Fuß gehoben, besser geschoben wird, ein Ellenbogen, der mich zur Seite drängt und dabei immer nachhaltiger schmerzt, eine kleine, ältere Dame, die sich von hinten und noch außer Puste mühelos den Weg nach vorn bahnt, wie ein Schneepflug die Menschen vor sich zur Seite schiebend, der Atem eines Mannes, der sich geschickt von der Seite in die Lücke hinter der älteren Dame drängt, und dabei voll mein Gesicht trifft. Alle auf dem Weg zu ihrem Platz!
Es ist mir unangenehm. Unangenehm nicht unbedingt wegen der versteckten Aggression der Menschen um mich herum, ich fühle vielmehr den Wunsch in mir auch aggressiv zu werden, mitzumischen, meinen Platz nicht preiszugeben, aber die ungebetene Nähe dieser vielen fremden Menschen ist mir unangenehm, so unangenehm, dass ich sogar den zwanghaften Wunsch aufgebe mich zu behaupten, meinen Platz zu verteidigen. Ich trete zurück, drücke nun gegen den Strom, spüre ungläubige Reaktionen und problemlos, so als wäre ich nicht mittendrin gewesen, schließt sich vor mir die Schlange wieder, es bleibt kein Loch an der Stelle, an der ich gewesen bin.
Ich habe meinen Platz aufgegeben, das Leben um mich herum geht weiter, so als habe es niemand bemerkt – als Letzter steige ich durch die Tür in den Zug, wo ist meine gerade heute neu erworbene Wichtigkeit geblieben?
Mittwoch, 6. März 2013
Der kleine Mann
Ein Grundschüler, 2. Klasse, an einem Freitag im Jahr 1956, ein angenehmer Tag ist dieser 2. März. Ein Frühlingstag, noch frisch zwar, die Sonne scheint. Noch trage ich meinen Wintermantel, Lodenstoff, grün, bis über das Knie nach unten reichend, ich weiß, daß meine Mutter diesen Mantel genäht hat, aus einem alten Mantel des Großvaters, aufgetrennt, zerschnitten, neu zusammen gesetzt, an Manchen Stellen sieht man noch die alte, aufgetrennte Naht auf dem Stoff schimmern, kleine Löcher zeigen den Verlauf der Stiche, die grüne Farbe ist häßlich, aber der Mantel ist warm.
Ich weiß, ein anderer Mantel wäre nicht möglich gewesen, Geschwister, von denen ich ein abgelegtes Kleidungsstück übernehmen könnte habe ich nicht, Geld ist knapp in der Familie, außerdem gibt es wenig Neues in Ostdeutschland, in der Ostzone, oder in der DDR wie es jetzt seit einiger Zeit heißt. Deutsche Demokratische Republik, das habe ich in der Grundschule von meiner Lehrerin schon gelernt, DDR heißt dieser neue Staat.
Auf dem Weg nach Hause sehe ich wie immer bei der Großmutter vorbei, die Großmutter hat Zeit, ist nicht ständig in Hektik, außerdem hat er Neues zu berichten, Dinge, die ich heute in der kleinen Zwergschule gelernt habe.
Zwergschule? Zwei Klassen werden von einer Lehrerin unterrichtet, in einem Raum, nicht sehr groß, zwei Reihen von Schulbänken. An der Wand, links eine Reihe für die erste Klasse, jeweils Doppelbänke, zwei Schüler neben-, vier Bänke hintereinander, an der Fensterseite das gleiche Arrangement für die Zweitklässler. Ich sitze noch links, Erstklässler, bald werde ich Zweitklässler sein, bei den Großen, nicht mehr der Kleine.
Der Unterricht gestaltet sich schwierig, eine Lehrerin unterrichtet in einem Raum zwei unterschiedliche Klassen, unterschiedlichen Stoff, eine Klasse ist immer aktiv, die andere hat Stillbeschäftigung, eine rechnet, die andere schreibt inzwischen irgendeinen Text.
Manchmal habe ich natürlich auch schon das Glück gehabt mit den Großen zusammen zu sein, beim Sportunterricht etwa, wenn Völkerball auf dem kleinen Dorfsportplatz gegenüber der Schule gespielt wird. Völkerball, da sind die 7 Kinder der Ersten und die 6 der Zweiten natürlich einzeln zu wenig, da dürfen beide Klassen zusammen ran.
Oder beim Pionierappell, jeden Montag vor der ersten Unterrichtsstunde, oder besser in der ersten Unterrichtsstunde. Die Schüler beider Klassen treten dann in zwei Reihen auf dem Bürgersteig vor der Schule an, vorn die Erste, hinten die Zweite, weil die größer sind, der Gruppenratsvorsitzende der Zweiten meldet der Lehrerin das alle Schüler zum Appell angetreten sind, die Lehrerin dankt, sie erzählt dann irgendetwas, wir singen ein Lied, bummeln noch etwas herum, dann geht es zurück in die Klasse.
Heute hatte die Lehrerin beide Klassen zusammengenommen, das heißt in der 1. Stunde hatte sie gesagt, bitte alle mal aufpassen, ich muß Euch was Wichtiges sagen, wie sie das sagte, klang wichtig, und entsprechend fühlten wir uns auch wichtig.
Etwas Wichtiges hatte sie uns zu sagen! Sie sprach vom Krieg, sie sprach von der DDR, sie sprach von Westdeutschland und davon, das jeder Staat sich schützen muß. Wir wußten nicht, wovor sich unser Staat schützen mußte, aber wir verstanden, daß am Tag zuvor, am ersten März 1956 die DDR ihre eigene Armee gegründet hatte, sie nannte sie NVA und wir erfuhren, daß dies Nationale Volksarmee heißen sollte.
Krieg hatten wir, auch wenn wir noch die Kleinen waren, schon oft gespielt. Meist getrennt in zwei Parteien, die Roten und die Blauen. Die Roten wollten wir alle sein, Blau sein, war nicht so begehrt, da es Usus war, daß die Blauen am Ende immer zu verlieren hatten. Warum das so war, wußten wir nicht, es war auch nicht wichtig.
Jetzt hatten wir also unsere eigene Armee.
Sie sagte das sehr wichtig, wiederholte es mehrfach, und wir spürten den Hauch der Bedeutung, wir hatten eine eigene Armee. Nicht nur die Russen, der Ami, der Engländer, der Franzose hatten Männer in Uniform, die uns damals täglich in ihren Jeeps auf Deutschlands Straßen begegneten, natürlich meist die Russen, wir wohnten in Thüringen, aber die Westmächte bekamen wir auch öfter zu sehen. Die hatten die schöneren Autos und die schickeren Uniformen und wir fanden es faszinierend, wenn die Ami’s vorbeifuhren, oft lässig ein Bein aus dem Jeep heraus auf den vorderen Kotflügel gestellt, der Fahrer das linke, der Beifahrer das rechte Bein, manchmal bekam man ein Stück Schokolade, wenn man sich als Kind bemerkbar machte, manchmal aber auch nicht. Mit den Russen konnte man versuchen zu reden, meist wirkten sie selbst wie verängstigte kleine Kinder, die Franzosen waren absolut unnahbar, wir nahmen sie, strafend, nicht zur Kenntnis, und die Tommy’s, na ja.
Wir hatten also endlich auch unsere Armee, die uns beschützen würde. Die Lehrerin hatte auch erzählt, daß die Armee den Frieden verteidigen würde. Ja aber, warum sollte denn gerade unsere Armee den Frieden verteidigen, eine Armee hatte zu kämpfen, zu schießen, peng, peng, so wie wir es tagtäglich, im Straßengraben liegend, übten. Es gab viel zu diskutieren.
Es fiel uns schwer danach zum normalen Unterrichts zurückzukehren, und auf dem Heimweg von der Schule mußte ich die Neuigkeit sofort loswerden. Die Bäckersfrau, bei der ich für meine einzigen fünf Pfennige extra ein Brötchen kaufte, nur um die Nachricht an den Mann zu bringen, reagierte auf meine eilig vorgetragene Mitteilung von unserer neuen Armee gar nicht, willst Du noch etwas, nein, fünf Pfennig! Ihre Hand kam über den Tisch, die offene Handfläche nach oben, fünf Pfennig von mir, eine Semmel von ihr. Ich hätte die Semmel schon nicht mehr haben wollen, wenn sie sich doch für meine wichtige Nachricht so garnicht interessierte, aber jetzt zu kneifen wagte ich mir auf Grund ihres strengen Blickes auch nicht.
Weiter, Mutter auf Arbeit, loswerden mußte ich meine Neuigkeit, also zur Oma.
Sie, zum Glück zu Hause, in der Küche, beim Kartoffelschälen, mit ihren streng nach hinten gekämmten und zusammengebundenen weißen Haaren, das Essen ist noch nicht fertig, willst Du eine Tasse Milch und ein Brötchen mit Öl? Gemeint ist das Öl aus der großen Flasche, Mohnöl, das sie jedes Jahr selbst preßt, ein kleiner Schluck wird auf eine Untertasse geschüttet, das Brötchen eingetaucht und gegessen, eine Delikatesse.
Ich zapplig, aufgeregt, ich habe ja eine sehr wichtige Nachricht, sie die Ruhe in Person, ‘zuerst setzt Du Dich hin und ißt’.
Oma, wir haben heute in der Schule gelernt, daß wir jetzt auch eine Armee haben, die NVA. Die wird uns verteidigen.
Sie scheint von meiner Nachricht garnicht berührt, eigentlich hatte ich erwartet, daß sie dies auch sehr wichtig finden würde. Ich wiederhole meinen Vers, sie antwortet lediglich abgewandt mit einem leisen ‘ja’. Ich bin enttäuscht.
Nach einigen Minuten, es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, setzt sie sich zu mir an den Tisch. ‘Weißt Du, ich bin schon alt, früher, als ich noch Kind war, hatten wir den Kaiser, dann kam Friedrich Ebert, später der Führer, jetzt haben wir den Walter Ulbricht und im Westen haben sie den Adenauer, immer neue Gesichter und Geschichten, aber der kleine Mann bleibt immer der kleine Mann.’
Damals, am 2. März 1956, einen Tag nach Gründung der DDR-Armee, habe ich den Satz noch nicht verstanden, ich war nur von ihr enttäuscht.
Der Mann aus Huè
Neben Deutschland und Afghanistan ist wohl in den letzten hundert Jahren kein Land so durch Kriege gebeutelt worden, wie Vietnam.
Ich bin in Huè, strahlenblauer Himmel, man nennt es wohl Kaiserwetter, nicht die sonst übliche feucht-warme tropische Suppe.
Huè, die alte Kaiserstadt, in unmittelbarer Nähe zum Ozean, die „Stadt der Wohlgerüche“, darin, praktisch als Mittelpunkt, die frühere befestigte Residenz der vietnamesischen Kaiser, damals als es sich noch lohnte, daß Vietnam einen Kaiser hatte.
Alles scheint in der Stadt auf diesen Ort, nicht weit vom Ufer des „Flusses der Wohlgerüche“ oder auch „Parfüm-Fluß“, der ganz in der Nähe in den Pazifik münden wird, zuzulaufen. Einwohner, Touristen, Pilger, Neugierige treffen sich fast zwangsläufig und scheinbar täglich in der Anlage vor dem südlichen Mittagstor, dem Ngo Mon. Das trotz mehrfacher Zerstörungen noch immer sehr imposante Bauwerk ließ sich Nguyen Anh, der 1802 das zerstrittene Vietnam wieder vereinigt und als Kaiser Gia Long den Thron bestiegen hatte, als Tribut errichten.
Huè ist die alte, die tatsächliche Metropole, nicht die Millionenstädte Hanoi, nicht Saigon sind der historische Mittelpunkt Vietnams, es ist das kleine, beschauliche Huè mit seinen lediglich rund 250000 Einwohnern.
Ngo Mon, das südliche Mittagstor, am großen gepflasterten Platz vor der kaiserlichen Residenz mit seinen geschwungenen Dächern, ist bevölkert von Touristen, Rucksacktouristen, Wanderern, Radfahrern, Einheimische, ein buntes heftiges Treiben und trotzdem scheint eine große Ruhe über dem Ganzen zu liegen. Bettlern, die sonst in Vietnam zum Straßenbild gehören, begegnet man auf diesem Platz nicht, sei es Ehrfurcht, sei es die mir nicht erkennbare Gegenwart der Staatsmacht.
Eine Ausnahme, auf der linken Seite des Platzes, unmittelbar dort, wo die meisten Besucher auf die drei Durchgänge des großen Torbaus zugehen, sitzt ein einzelner Mensch auf dem staubigen Boden, ein Mann aus Huè. Die vielen Menschen, die sich um in herum bewegen, scheint er, auf seiner alten löchrigen, schmutzigen Decke sitzend, nicht wahrzunehmen.
Ein alter Mann, ein tief zerfurchtes Gesicht, sehr braun, den Rücken wie kraftlos gebeugt, ein auf den Boden gerichteter Blick, aus irgend einem Grunde vermute ich müde, resignierende Augen, eine noch erschöpftere Körperhaltung, die sich aber ändert, als er, ohne wirklich aufzusehen, mein Interesse an ihm zu bemerken scheint. So als wäre er doch nicht müde, sondern wach, immer hellwach. Er blickt zuerst um sich, blitzschnell nach beiden Seiten, bevor sein Blick für einen kurzen Moment an mir hängen bleibt. Aufmerksam, abschätzend, aber auch beunruhigend, zumindest fühle ich mich so. Ein feines Spiel um seine Mundwinkel, dann geht sein Blick wieder in Richtung Boden.
Es fällt mir schwer meinen Blick abzuwenden, trotzdem ich das Gefühl habe, er müsse sofort merken, daß ich ihn neugierig anstarre, eigentlich ist es mir unangenehm. Narben in seinem Gesicht, Narben auf dem Kopf auf der einen Seite, auf der anderen Seite einige kleine Büschel schlohweisen Haares, verloren wie stachliges Gras an einem stillgelegten Bahndamm. Seine rechte Hand, narbig kaum zu gebrauchen, dort, wo seine Finger sein müßten, nour noch kurze schwarze Stummel sind, lediglich ein Rest des Daumens ragt daraus hervor. Das rechte Bein endet am Knie, das leere Hosenbein liegt neben ihm schlaff auf der Erde.
Vor ihm, so als müsse er aufmerksam darüber wachen, liegen einige Gegenstände, die offenbar zum Verkauf vorgesehen sind, ein alter Fotoapparat, dem ich eine Funktion nicht mehr zutraue, einige Kleidungsstücke, auffallend bunte Postkarten und in einer halbrunden Metallschale bunte, geschliffene Steine, die einen echten Kontrast zu den übrigen, wertlosen Dingen bilden.
Ich gehe einige Schritt auf ihn zu, er hebt wieder den Blick, nickt mir zu und fährt mit einer erhabenen Geste über die ausgebreiteten Dinge, als wolle er mich einladen, etwas zu kaufen.
Es ist eine seltsame Situation, eigentlich möchte ich mich ungesehen davonstehlen, um dem beklemmenden Gefühl zu entgehen, andererseits fühle ich mich von ihm angezogen, fast automatisch gehe ich zu ihm hin, setze mich neben ihn in den Staub des Platzes vor dem südlichen Mittagstor der kaiserlichen Residenz in der alten Hauptstadt von Vietnam, neben den Mann aus Huè.
Die Perspektive ist ungewohnt, gerade noch oben, zwischen den vielen Menschen, mit dem erhabenen Gefühl des Touristen, der aus einem offensichtlich sehr armen Land jederzeit wieder abreisen kann, finde ich mich plötzlich in Bodennähe, sehe die Menschen um mich herum lediglich noch bis in Höhe der Taille, sehe Füße, große, kleine, mit Schuhen, billige, teure, aber auch barfuß. Ich sehe, wie die Beine um mich, um uns herum, einen Bogen machen, so wie auch ich am liebsten einen Bogen um den auf dem Boden sitzenden Mann gemacht hätte. In dieser Position fühle ich mich schon als Teil von ihm, wir.
Verlegen, ob seiner Nähe und der neuen Perspektive nach den Postkarten fassend, spüre ich wieder den Blick auf mir, hellwache Augen in dem alten zerfurchten Gesicht, jugendlich anmutend und trotzdem bin ich mir sicher, daß der Mann über 50 sein muß. Er spricht mich an, eine für einen Asiaten tiefe Stimme, glasklares English, sodaß ich mich mit meinem holprigen Schulenglisch sofort wieder zu schämen beginne. Einige Floskeln, „ach, deutsch?“, ich sehe wahrscheinlich völlig entgeistert aus, er berichtet, daß er einige Jahre in der früheren DDR gelebt hat, nach dem Krieg, nach seiner Verwundung, und dort hat er deutsch gelernt, er nennt es „die Sprache meiner Retter“.
Nach einigen Minuten beginnt er die Utensilien um sich herum zusammen zu lesen, unter dem leeren Hosenbein zieht er einen Beutel mit dem Aufdruck einer europäischen Arzneimittelfirma hervor, schlichtet alle Dinge sorgsam hinein, es sind seine Werte. Die halbrunde Metallschale nimmt er, nachdem er sich aufgerichtet und einen Stock gegriffen hat und hängt sie sich mit einem alten Lederband über die Schulter, den Beutel über den Stummel der rechten Hand, meine hilflose Geste ihm irgendwie helfen zu wollen, wehrt er stumm, aber sehr bestimmt ab.
Erst in diesem Moment sehe ich, daß es ein Stahlhelm ist, der jetzt über seiner Schulter hängt, die typisch amerikanische Form. Meinen Blick begegnet er mit einem einzigen Wort: “Später...“.
Ohne noch ein weiteres Wort mit mir gesprochen zu haben, geht er los, wie an einem Band gezogen laufe ich hinter ihm her.
Nach einigen Minuten, in der Straße 'Nguyèn Trai' betritt er einen Hausflur durch eine klapprige, schief hängende und laut quitschende Tür, so als müsse sie ein Signal geben, daß ein Fremder kommt.
Es ist dunkel, heftige, für meine Nase ungewohnte Gerüche, die „Stadt der Wohlgerüche am Parfümfluß“, ein dunkler, enger Hinterhof, Frauen, Kinder, Abfalltonnen, loser Abfall, Wäsche, wieder ein Durchgang, der nächste, noch engere Hinterhof. Er weist mit einer großzügigen Geste des versehrten Armes auf eine offene Tür, bittet mich hinein. Ein einzelnes Zimmer, eng, ein kleines Fenster, Tisch, ein altes Sofa, ein Stuhl, ein Bett mit einer bunten Decke darüber, ein kleiner Schrank, darauf ein Wasserkocher und ein kleine elektrische Herdplatte. Auf den ersten Blick fällt mir auf, trotz der erkennbaren, spürbaren, fühlbaren Armut ist alles sehr sauber, er sieht mich an, ich glaube ein Schmunzeln in seinem zerfurchten Gesicht zu erkennen, und als könne er meine Gedanken lesen: „Ich war in Deutschland...“. Ich fühle mich wieder ertappt!
Er läßt es sich nicht nehmen, mir trotz seiner Behinderung mit einer faszinierenden Schnelligkeit einen Tee zu bereiten, zeigt mir Fotos, als Kind, von ihm als jungen Mann, in Uniform, Fotos vom Krieg mit den Amerikanern, Fotos vom Wiederaufbau von Hue, ich frage nach seiner Familie, er schüttelt den Kopf, ein schmerzliches Zucken um seinen Mund: „Der Krieg...“.
Nach einer Pause spricht er vom Krieg, vom Krieg zwischen Vietnamesen, vom Krieg mit den Amerikanern, den er zuerst auf Seiten der südvietnamesischen Armee, später als sich das Morden immer länger hinzog und das Land völlig in Trümmern lag, auf der Seite Nordvietnams mit geführt hatte. Er spricht über Kämpfe, über unfaßbare menschliche Gräuel, wie sie das halbe Land unterhöhlt hatten, um den Nachschub von Nordvietnam in den Süden zu bringen, über die Bombardements der Amerikaner, über seine Napalmverbrennungen durch amerikanische Bomben, über Tote, Verstümmelte, Männer, Frauen, Kinder. Darüber, daß es in Vietnam nach Ende des Krieges in 1975 kaum noch Männer gab, fast mechanisch spricht er darüber, daß die meisten Männer tot waren, erschossen, verbrannt, irgendwie einfach umgebracht. Junge Männer, alte Männer, Ledige, Familienväter, „Und warum?“. Die Frage bleibt im Raum stehen, er weiß und er erwartet darauf keine Antwort.
Er spricht darüber, daß auch er gekämpft hat, nicht aus Ideologie, er hat gekämpft, um zu überleben. Es wäre ihm gleich gewesen, wer diesen Krieg gewonnen hätte, er hat sich nur gewünscht, daß er bald zu Ende sein sollte. Und als er dann 1975 zu Ende war, konnte er mit sich – bis heute - nichts mehr anfangen.
Ich erinnere mich an den Stahlhelm, der jetzt am Kinnband neben der Tür hängt, zeige darauf, sehe ihn fragend an. Stockend beginnt er darüber zu sprechen, eine amerikanische Einheit hatte während der Kämpfe in der sogenannten Tet-Offensive 1968 seinen Heimatort Phong An in der Nähe von Huè besetzt, er war unterwegs um Nahrung zu beschaffen. Früher, zu Beginn des Krieges mit dem Norden war er Offizier in der südvietnamesischen Armee gewesen, als er jetzt zurückkam war sein Haus abgebrannt, seine Familie war tot.
Ein Nachbar zeigt ihm auf seine Fragen den kommandierenden amerikanischen Offizier, in der folgenden Nacht tötet er ihn mit einem Messer aus dem Hinterhalt, ein Stich in den Hals, schnell, effizient, lautlos, so wie man es ihm in der südvietnamesischen Spezialeinheit gelernt hatte. Der Stahlhelm des Amerikaners ist seine Trophäe als er in der gleichen Nacht noch im Busch verschwindet, „es war noch sein Blut dran“, später wird es seine Eintrittkarte für die NLF, die National Liberation Front. Erst sehr viel später würde er hören, daß er ab diesem Tag international zu den Viet Cong gezählt wurde, daß er auf Seiten der Kommunisten gegen die Freiheit gekämpft hätte, es ist ihm gleich, er hat seine Familie verloren, in einem Krieg, der nicht der seine war und von dem er bis heute nicht sagen kann, warum er eigentlich geführt wurde.
Ich nehme den alten Stahlhelm vom Haken, darin am verschwitzten Leder des Stirnbandes ist noch teilweise der Name des amerikanischen Offiziers zu lesen, ich beginne, leise vor mich hin sprechend einen Familiennamen irischen Ursprungs zu entziffern, er tritt mit einem entschlossenen Blick auf mich zu, nimmt ihn mir vorsichtig aber sehr bestimmt wieder aus der Hand, so als könne er zerbrechen, hängt ihn an den Nagel zurück, „Du mußt es nicht wissen, wir haben beide nicht gesiegt und wer von uns hat es jetzt besser?“
Diese Frage können wir nicht beantworten, aber er ist ein Mensch geblieben, der Mann aus Huè. Ob die, die diesen Krieg angezettelt und verantwortet haben, eine Antwort wissen? Ich glaube es nicht!
100 Minuten Qual …
München
Hauptbahnhof:
… im letzten Moment war ich mit
dem Taxi angekommen, fast rennend, ICE nach Hamburg? Ein unsicherer Blick über
den gelben Fahrplan, Bahnsteig 18, hastend, ein weißer Zug mit roten Streifen,
eine offene Tür, vor dem Zugführer springe ich durch die Tür, bevor sich der
Zug ganz sacht in Bewegung setzt ... geschafft!
Platzkarte suchen, natürlich ganz
unten in der übervollen, unordentlichen Tasche, seltsamerweise der richtige
Wagen, Platz 36 - warum suche ich eigentlich die Platzkarte, der Wagen ist fast
leer? Egal …
Eine Doppelbank, Platz Nummer 36,
dazwischen ein Tisch, dahinter eine Frau, vielleicht Mitte dreißig, sie ist
schwer zu schätzen, sehr dick, der Tisch schon von ihr vollgepackt mit Tüten
und Flaschen.
Ein flüchtiger Gruß, sie scheint
ihn und mich kaum wahrzunehmen, hantiert mit Kopfhörern und ist zwischendurch
mit dem Sortieren ihrer Tüten beschäftigt.
Irgendwie fühle ich mich
eingeengt, ich weiß nicht ob von ihr und ihren Tüten oder vom Streß des zu Ende
gehenden Tages, auf jeden Fall habe ich das Gefühl gegen die massige Frau, die
mir gegenüber fast zwei Sitzplätze einnimmt, mein Terrain verteidigen zu
müssen.
Ich greife ohne hinzusehen nach
meiner Tasche, spüre Zeitschriften, ziehe sie heraus, GEO, die MAX, auf dem
Cover eine sehr attraktive Frau, lege ich absichtlich obenauf, Schadenfreude
verspürend, und ich versäume nicht vorher ihre Tüten auf dem gemeinsamen Tisch
behutsam, „man ist ja höflich“, aber auch betont zusammen zu schieben. Ich
ernte, wie erhofft, einen vorwurfsvollen Blick … und freue mich darüber.
München Pasing,
Fahrzeit 6 Minuten,
kurzer Halt, niemand steigt ein, das Drama beginnt.
Die Kopfhörer auf den Ohren greift
sie zur ersten Tüte, eine braune Tüte, groß mit dem Aufdruck eines Bäckers, ein
Griff, die Hand verschwindet in einer schier unendlichen Tiefe, als sie endlich
wieder auftaucht hält sie ein großes Baguette wie in einer eisernen Klaue fest.
Ein heller Teig, groß, gut belegt,
ich sehe Käse, Schinken, die Stärke des Belages konkurriert erkennbar mit der
Dicke der Semmel, der Schinken und Käse gewinnen, nicht allein durch das
Salatblatt welches komplettierend an den Seiten heraussteht. Schätzungsweise
vier ausgesprochen kräftige, geradezu harmonisch anmutende Bisse, das Riesenbaguette scheint sich
zwischen den geschmeidigen Bewegungen ihres Kiefers fließend aufzulösen. Ein
Griff zu einer großen Cola-Flasche, ein Riesenschluck, der einem Ertrinkenden
alle Ehre machen würde … eine Bewegung mit dem Handrücken über den Mund, sie
ist fertig mit ihrem Abendmahl …
… die Bewegung der Hand geht
fließend vom Mund weg, hin zur nächsten Tüte mit dem Logo einer großen
Fast-Food-Kette, sie zieht sie auf, fährt hinein, wie der Blitz im Gewitter,
sie arbeitet und kommt heraus mit einem kleineren Behältnis, dem sie kleine
gebratene Fleischteile mit erneut schnellen Bewegungen entnimmt. Später erfahre
ich, dass es frittierte Geflügelteile sind, 12 mal findet die Hand den Weg zum
Mund, gleichmäßig, ohne hastig zu sein, sichtlich gewohnte Bewegungen, die
Training verraten, noch ein kräftiger Schluck aus der Cola-Flasche.
Hastiges Zerdrücken des leeren
Kartons, die Bewegungen wirken jetzt hektisch, ungeduldig, nichts mehr von der
zeitlosen Eleganz des Essens, die Hände gehen in Ruhestellung, unschuldig
gefaltet liegen sie auf einem runden Bauch.
Bahnhof Augsburg, Fuggerstadt,
Fahrzeit 40 Minuten,
Einfahrt in den Bahnhof, 8 Minuten Verspätung werden angesagt, niemand steigt
in unser Abteil ein.
Die Räder rollen wieder, die Hände
erwachen aus ihrem kurzen Schlaf, der Griff zur Bäckertüte, ein neues Baguette,
diesmal noch etwas kräftiger belegt, auch mit Ei und irgendeiner Sauce. Die
Zähne fahren kraftvoll am oberen Ende hinein, die Sauce unten heraus, der
Schwerkraft folgend auf ihre Hose, sie zeigt menschliche Größe und ignoriert
es.
Die Bisse werden etwas kleiner,
sechs mal gilt es zuzubeißen und das Schicksal der großen Semmel samt Inhalt
ist besiegelt, ein kurzes Schnaufen, die obligate Cola-Flasche, diesmal schon
zur Hälfte gelehrt.
Sie greift zu einem Buch, ich
hatte den Titel kurz vorher auf der Bestsellerliste eines großen Wochenmagazins
gelesen, wer auch immer festlegen mag, was in Deutschland ein Bestseller zu
sein hat.
Plötzlich, ich weiß nicht woher,
kommt mir ein angeblich alter Spruch in den Sinn: „Ein voller Bauch studiert
nicht gern“, sie scheint es zu können – alle Achtung.
Der Zug wird langsamer, hält auf
freier Strecke kurz an, ihr Blick hebt sich vom Buch, richtet sich fragend auf
das Abteilfenster, vor dem es dunkel ist, und von dort ein neues Ziel suchend
nicht auf das Buch zurück sondern auf die Tüte der großen Fast-Food-Kette.
Wie ein Blitz leuchtet es in ihren
Augen auf, als die fleischige Hand erneut in dem Behältnis verschwindet und
wieder erscheint mit einem gigantischen Stück aus rundem Brötchen, geteilt
durch einen Fleischklops, Käse, Tomate, Salat und verfeinert wiederum mit einer
Flüssigkeit nicht zu definierender Farbe.
Es schaudert mich, die Erwartung
eines erneuten Widerstandes gegen den gnadenlos zubeißenden Mund in Form einer
aus dem Brötchen spritzenden und die Peinigerin beschmutzenden Brühe wird
leider enttäuscht, das Gebilde ergibt sich scheinbar willenlos seiner
Eliminierung.
Nach dem letzten Biß noch einen
deftigen Schluck aus der inzwischen sichtbar leichteren Cola-Flasche, ein
dumpfes Gluckern, sie ist leer. Ein zufriedenes Gesicht, ein Durchsage, dass
der Zug in wenigen Minuten in Nürnberg einfährt.
Nürnberg,
Fahrzeit 100 min: der Zug hält, das Drama endet.
Sie steht auf, nimmt ihre Tasche,
packt die Köpfhörer ein, zurück bleiben auf dem Tisch vor mir leere und damit
sinnlose Tüten und eine große ebenfalls inhaltslose Cola-Flasche, 1,5 Liter.
Der Wagen scheint sich zu
bedanken, als sie den Zug verlässt und ich habe das Gefühl, dass er sich einige
Zentimeter nach oben hebt.
Ich fühle mich schlecht, weil ich
ihr fröhliches, zufriedenes und sattes „Auf Wiedersehen“ nicht erwidern konnte,
der Speichel wäre mir aus dem Mund geflossen – ich habe seit Mittag nichts mehr
gegessen.
Aus Schrott und Schrot...
Die beiden englischen Luftminen, die am 25. Februar 1945 u.a. das historische Augustiner-Kloster in Erfurt weitgehend zerstört und ungezählten Menschen Tod, Verletzung und Verlust gebracht hatten, waren in ihrer Wirkung bis in die Vororte zu spüren gewesen, auch er hatte gelitten, seine Frau war auf der Straße durch den Luftdruck weggepustet und gegen einen Gartenzaun geschleudert worden, an sich nicht so schlimm, wenn nicht dabei ihr Rock in Fetzen gegangen wäre und woher sollten sie in diesen chaotischen Kriegstagen, von denen sie nicht genau wußten, ob es die letzten sein würden, einen neuen Rock oder wenigstens den Stoff dafür nehmen?
Der Krieg war an ihm als Person bisher weitgehend vorbeigegangen, er war Eisenbahner, bei der Reichsbahn, damit unabkömmlich und im wesentlichen an der Heimatfront tätig gewesen, verantwortlich! Seine Söhne hatten den vom Führer eigentlich ihm zugedachten Part beim Waffengang gegen den Feind mit übernommen, Werner bei der Marine, Hans bei der Waffen-SS, Willi als gemeiner Sandlatscher war schon in den ersten Tagen des Frankreichfeldzugs von einem deutschen LKW überfahren worden. Nun, wenigstens hatten sie ihm in der guten Stube mit seinem Bild und einer Kerze eine Helden-Gedenkecke eingerichtet, dort lag auch das EK I, daß der Ortsgruppenleiter gemeinsam mit einem Schreiben des Kommandeurs überbracht hatte. Kerzen sind kostbar in dieser Zeit und eigentlich brauchen sie sie, wenn sie nachts bei Alarm in den Luftschutzkeller rennen, aber Lina hatte ihn mehrfach strafend angesehen, wenn er die Hand nach der Kerze des gemeinsamen Sohnes ausstreckte und so hatte er es bisher gelassen.
Am Anfang des Krieges ließ sich mit einem gefallenen Sohn noch Staat machen, gefallen für ‘Führer, Volk und Vaterland’. Er kann sich noch gut erinnern, wie nach dem Ortsgruppenleiter, dem Bürgermeister und dem Schulleiter auch der protestantische Pfaffe des Dorfes bei ihnen vorgesprochen hatten, um ihnen zum Heldentod ihres Sohnes zu gratulieren. Für einige Tage standen sie im Mittelpunkt des Interesses, die bescheidenen Eltern eines deutschen Helden und tunlichst hatte er verschwiegen, daß sein Sohn nicht in einem wilden Kampf mit dem Franzmann ehrenhaft gefallen, sondern von einem siegestrunkenen und betrunkenen deutschen Fahrer gemeuchelt worden war.
Jetzt in den letzten Kriegstagen interessierte das niemand mehr. Zu viele sind gefallen, wie eine Inflation, immer neue Todesmeldungen werden nachgedruckt, wie Geldscheine in der letzten Inflation. Nichts mehr wert.
Die Druckwellen der beiden Luftminen hatten blöderweise nicht nur Edmunds Frau durch die Gegend gewirbelt, auch sein Dach, sein Vorbau und seine Scheune waren nicht ohne Schaden davon gekommen, die Ziegel waren beim Fall meist zerbrochen, so daß sie nicht mehr brauchbar waren, einige Fensterscheiben waren gesprungen, zwei Giebelfenster des Wohnhauses waren völlig herausgeflogen und das im Winter, glücklicherweise liegen die Temperaturen in diesen Tagen etwas über dem Gefrierpunkt, so daß die Flüchtlingsfamilie, die die beiden Mehlkammern auf dem Boden bewohnt, damit auskommt, die leeren Fensterhöhlen mit Decken abzudichten.
Ein seltsames Jahr dieses 1945, der Zusammenbruch des Reiches, jegliche Ordnung ist aufgehoben, seit Mitte April wurde Thüringen von dem Amerikanern besetzt und verwaltet, recht und schlecht wie es ihm, dem korrekten deutschen Eisenbahner schien, dann Ende Juni die erschreckende Mitteilung, dass die Amerikaner wieder abziehen und den Russen Platz machen würden. Ende Juni waren innerhalb von 3 Tagen die Amerikaner weg und statt dessen ergossen sich auf die Straßen endlose Kolonnen von Russen, viele Soldaten zu Fuß, abgerissen, schmutzig wie es ihm schien, wenige LKW’s, viele Panjewagen, kleine von einem Pferd gezogene Wagen, mit denen in Russland die Bauern ihre täglichen Wege zurücklegen. Für Edmund, den deutschen Eisenbahner ist es unvorstellbar, wie die Russen mit diesen klapprigen Wagen mit dem kleinen struppigen Pferd die Strecke von Sibirien bis nach Deutschland zurückgelegt und dabei noch den Krieg gewonnen hatten.
Für Edmund gibt es andere Probleme, dass Hauptproblem ist allgegenwärtig und schmerzt in der Magengrube, Tag und Nacht drehen sich die Gedanken darum und er hat das Gefühl, daß ihn vor allem seine Lina dauernd strafend ansieht: Hunger, Hunger und nichts zu fressen im Haus.
Das Wenige, was der kleine Hausgarten in diesem Jahr 1945 abwerfen wird, wird nicht lange reichen, ein paar Beeren, Birnen, die reichlich, eine kleine harte Sorte, aber besser als nichts, ein paar Äpfel und ansonsten hat er Kartoffeln gelegt.
Fressen muß her!
Tauschwirtschaft funktioniert nicht, 5 Kinder, bei der Eisenbahn auch kein Riesengehalt, da ist nichts da, was Wert hätte bei den dicken Bauern rundherum zum Tausch gegen Lebensmittel angeboten zu werden. Else, seine jüngere Tochter hat für sich einen einträglichen Weg des Broterwerbs gefunden, sie verkauft oder tauscht ihre Gunst bei den Mannschaften der unterschiedlichen Besatzungsmächte gegen Waren ein. Er müßte lügen, wenn er behaupten würde, daß er dies bei den Amerikanern anstößig empfunden hätte, sie hatten davon gelebt, alle. Als sie jedoch jetzt auch die Russen mit einbezieht, gibt es im Dorf doch sehr, sehr viel schlechtes Gerede über das liederliche Frauenzimmer. Dies stört ihn schon, das Gerede.
Not macht erfinderisch, Hunger treibt um.
Was treibt einen Mann um außer dem Gedanken an Frauen, die Hoffnung auf Zigaretten? Schnaps!
Die Geschäftsidee mit der ‘Ware Frau’ hat Else schon erfolgreich umgesetzt, Zigaretten oder Tabak hat er nicht zur Verfügung, vielleicht im nächsten Jahr, falls es ihm gelingen würde, irgendwo ein kleines Stück Feld zu pachten und Tabak anzubauen.
Bleibt der Schnaps!
Unmengen an Alkohol hatten bei Kriegsende noch in der naheliegenden Henne-Kaserne gelagert. Bis unter die Decke, hatte der Führer dort schon während des Krieges Waren horten lassen, hieß es, Waren, die er beim bevorstehenden Endsieg kostenlos an alle Volksgenossen verteilt hätte. Nun war es ja dazu, dem Endsieg, nicht mehr gekommen. Die Waren waren weg, jeder der noch irgendwie laufen konnte, hatte etwas davongeschleppt, Schnaps in Benzinkanistern, Uniformstoff im Ballen, Nudeln in Säcken, Läusepulver in unbeschrifteten Blechbüchsen, in denen die Schlepper fälschlicherweise Konservenfleisch vermutet hatten … alles weg, denn die Reste hatten die Russen bei ihrem Einmarsch beschlagnahmt.
Vorsichtige Kontakte mit den Russen, die bei Else aus- und eingehen, Offiziere, mit Mannschaften gibt sie sich natürlich nicht ab. Was wird bei den Russen gebraucht? Es gibt eigentlich nur eine Antwort “Wodka”, Wässerchen, Schnaps!
Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Aber selbst stehlen ist in dieser Zeit nicht möglich, ist ja nichts mehr da, nichtmal ‘auf der Henne’.
Not macht erfinderisch, Schnaps muß her! Selber machen, wie macht man Schnaps selbst?
Ein Austausch der Ideen mit dem Nachbarn, kein Problem, es braucht dazu nicht viel und Tradition gibt es in Erfurt zur Genüge, geht doch die Geschichte um, dass es früher in der Altstadt in jeder Gasse eine Schnapsbrennerei gegeben habe.
Eine Destille zusammenbauen ist kein Problem, der Grundstock ist vorhanden steht im Keller und ist ein Prunkstück deutscher Ingenieurskunst ein Schnellkochtopf ‘Sicomatic’, dazu Feuer, Schläuche, einige Glasrohre, ein Thermometer, fertig ist die Technik.
Gut, daß Edmund viele Dinge, andere würden Schrott dazu sagen, immer aufgehoben hat.
Nun braucht es Maische, als Grundstoff der Schnapsbrennerei. Kein Problem, Kartoffeln gibt es noch, ein prima Ausgangsstoff, etwas Getreide ist in der Nachbarschaft auch noch zu holen, zuerst ein Topf voll, plötzlich sogar mehrere Säcke als er dem Herrenschneider im Nachbarhaus versprochen hatte, ihn am Gewinn des bevorstehenden Geschäfts mit den Russen zu beteiligen. Geschrotet in einer selbstgebauten Mühle, etwas Malz läßt sich im Erfurter Malzwerk abzweigen, kostet eine alte goldene Taschenuhr, die kann man sowieso nicht essen, Ansetzen, gären lassen, destillieren, fertig!
Dass dabei das ganze Haus nach Schnaps riecht stört niemanden, am wenigsten die Beteiligten.
Erste Verkostung, Wirkung ist da, der Alkoholgehalt wird auf ungefähr 50% geschätzt, Edmund hat gehört, dass Alkohol so ab 50% entflammbar wäre und dass er darauf achten solle, dass die Flamme dann blau brennt und nicht grün, grün wäre der giftige Alkohol. Da gelte es aufzupassen!
Erstes Destillat, blaue Flamme, guter Geschmack, alles gut, weitermachen!
Die nächsten Tage bringen Arbeit, alte Gefäße werden vom Schrottplatz geholt, Fässer, eine alte Badewanne mit Loch, es wird gesäubert, gelötet, Löcher werden geschlossen, Getreide gemahlen, Maische angesetzt, destilliert. Die ganze Familie wird einbezogen und das Waschhaus wird umfunktioniert. Es ist sowieso nicht mehr so viel Wäsche da, die paar Teíle können auch nebenher in der Küche gewaschen werden.
Edmund hat auch Kontakt aufgenommen mit einem der Stammgäste von Else, sie nennt es Gäste, Boris, ein Major der russischen Armee, Anfang Dreißig, gut beieinander für einen Russen, wie es Else formuliert, gut situiert, gebildet, er war vor den Krieg Lehrer, und was wichtig ist, auch sauber.
Boris, schon nach dem ersten Verkosten begeistert von dem Wässerchen, übernimmt den Vertrieb bei den Russen. Er will auch leben, trinken sowieso und geboren ist ein weiteres Objekt deutsch-russischer Zusammenarbeit, später wird man solche Dinge im Osten Deutschlands ideologisch verbrämt Deutsch-sowjetische Freundschaft nennen. Und nicht dumm, erkennt er sehr schnell dass Körper, Seele und Geschäft hier eine gute Symbiose eingehen können, die Gunst von Else, gemischt mit dem Geist von Edmund. Und der Geist in Kanistern, Eimern und Flaschen, was eben gerade verfügbar ist! Und am Sichersten sind in diesen wilden Monaten nach dem Krieg einfache Benzinkanister verfügbar.
Der Familie helfen die Geschäfte mit Boris weiter, nicht nur, dass für Else dieses und jenes Stück Seife abfällt, manchmal etwas neue Unterwäsche, weiß der Teufel, wo Boris dies hernimmt, der Handel Schnaps gegen Ware sichert beinahe problemfreies Überleben.
Bis auf den März 1946!
Bisher hatte Boris das Haus von Edmund immer geschützt, wie von Geisterhand geführt gingen die russischen Soldaten bei ihren Razzien an seinem Haus vorbei, wobei sie sonst ja alles Andere als zimperlich waren. Die Leute tuschelten schon, ‘bestimmt wegen der Else’, der Major wolle wohl nicht, daß einer seiner schmutzigen Soldaten bei einer der fast üblichen Vergewaltigungen die Else mit einer Geschlechtskrankheit anstecke, was die Leute eben so reden.
Samstagnacht, 16. März, in tiefer Dunkelheit Schläge gegen die Haustür, Tritte gegen das alte Holz, lautes Splittern, Stiefeltrampeln auf der Treppe nach oben in den ersten Stock, Soldaten reißen die Tür zu Edmunds Schlafzimmer auf, zerren ihn aus dem Bett, er hat kaum Zeit sich einen Mantel über den Schlafanzug zu legen, ein Schlag mit einem Gewehrkolben in den Rücken, seine alten Militärstiefel kann er gerade noch anziehen, ohne Fußlappen, er macht sich noch Gedanken, wie das gehen soll, Stiefel ohne Fußlappen, er wird auf die Ladefläche eines alten deutschen LWK’s gestoßen, “ein “Beutestück” geht es ihm durch den Kopf und während der Motor anspringt, weiß er nicht, dass er sein Haus zum letzten mal sieht.
Seine Frau macht sich einige Tage später, da sie nichts von ihm gehört hatte, auf den Weg in die russische Kommandantur nach Erfurt, sie hatte erfahren, dass es eine Villa in der Espachstraße wäre, die die Russen bei ihrem Einmarsch beschlagnahmt hatten. Sie findet das Haus, dringt in das Gebäude vor, schafft es auch einem russsichen Offizier ihre Frage zum Verbleib von Edmund vorzutragen, der zuckt nur mit den Schultern, ein Soldat bringt sie unsanft nach draußen und sie findet sich nach einem Stoß auf den Knien liegend wieder.
Nach Monaten erhält die Familie vom Bürgermeister ihres Ortes ein Schreiben ausgehändigt, daß Edmund in einem russischen Gefängnis gestorben ist.
Der Rest ist schnell erzählt:
Da die Destillierkünste von Edmund wohl doch nicht so zuverlässig waren, wie er und Boris angenommen hatten, offenbar war in eine der Lieferungen neben Alkohol auch Methanol gelangt. Die meisten trinkenden russischen Soldaten waren erkrankt, schwere Vergiftungserscheinungen, mehr als 10 waren gestorben.
Boris, dem in diesem Fall verständlicherweise das Hemd näher ist als der Rock, hatte sofort den Schuldigen am Tod russischer Soldaten ausgemacht, Edmund! Wie Edmund in russischer Gefangenschaft zu Tode gekommen ist, erfährt die Familie nie, auch Else nicht, die weiter mit Boris verkehrt, das Leben geht weiter.
Heute berichten Edmunds Enkel stolz, daß ihr Großvater als Widerstandskämpfer gegen die russischen Besatzer zu Tode gefoltert worden wäre, aber verraten hätte er nichts. Else ist mit ihrem russischen Major in den 50ger Jahren nach Rußland gegangen, wie ihr das gelang weiß bis heute niemand!
Was bleibt ist in der Erinnerung ein Widerstandskämpfer gegen den Bolschewismus, Edmund, der Schnapsbrenner, ein Kerl mit Schrott und Schrot.
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