Sonntag, 10. März 2013

Die neue Wichtigkeit ...


Die neue Wichtigkeit ...
... Berlin Hauptbahnhof, Donnerstag, später Nachmittag eines sonnenreichen Tages, interessante Gespräche mit scheinbar wichtigen Menschen liegen hinter und ich spüre in mir das angenehme Gefühl, oder besser die Hoffnung, dass sich vielleicht ein Teil von deren Wichtigkeit auch auf mich übertragen hat. Meine Stimmung ist gut, ich fühle mich wohl bei dem Gedanken, dass ich meinen Platz im Kreis wichtiger Menschen gefunden habe.
Hastig gehe ich zum Reisezentrum, der Versuch noch eine Platzkarte für den Zug nach München zu bekommen scheitert bereits an der Konstellation zwischen der langen Schlange vor dem Servicestand, dem Blick auf die Uhr und dem Vergleich mit der Abfahrtszeit – keine Chance, meine freudige Stimmung erhält einen heftigen Dämpfer. Die Glastür zum SB-Terminal, eine Reihe von Automaten, nie geübt, mein Gefühl von gerade erlangter Wichtigkeit verfliegt zusehends - ich muss zum Zug!
Eine Stimme neben mir, „... sie sehen so hilflos aus, kann ich ihnen helfen ...“, eine Frau, nicht mehr jung, klein, nicht auffällig, in der Kleidung einer Bahnangestellten, bis zu diesem Moment hatte ich sie nicht wahrgenommen und wahrscheinlich hätte ich es auch nicht getan, wenn sie mich nicht angesprochen hätte. „... ja, vielleicht, ich wollte schnell noch eine Platzkarte für den Zug nach München, aber ich kann das hier nicht ...“. Sie lächelt, fasziniert sehe ich, wie ihre Finger scheinbar schwerelos über die Tastatur huschen, Finger, die nicht mehr jung sind, nicht sehr gepflegt, die mir jetzt aber wie personifizierte Wunder erscheinen, ihren Weg schnell und zielsicher finden, mich aus meiner Hilflosigkeit befreien, ich beobachte sie mit einem Gefühl aufsteigender Dankbarkeit. „Tut mir leid, aber eine Expreßreservierung ist nicht mehr möglich.“ Die immer noch freundliche Stimme der Frau reißt mich aus meinen schwärmerischen Gedanken über ihre hilfreichen Finger, selbst ihre Versicherung, dass der Zug auf keinen Fall voll sein wird, beruhigt mich nicht – ich habe, trotz meiner gerade heute erworbenen neuen Wichtigkeit nun im Zug keinen eigenen Platz!.
„... es fährt ein der ICE zur Weiterfahrt nach München über Leipzig...“, eine blecherne, echte, vielleicht elektronische Stimme auf dem Tiefbahnsteig gibt die Information, an mich, an die Menschen um mich herum, wir hoffen, dass die Bahn kommt.
Ich stehe in einer Gruppe von Menschen, die wie ich, nur darauf zu warten scheint, dass der Zug, der wie eine weiße Schlange mit roten Streifen immer langsamer werdend vor uns über die Gleise kriecht, endlich stehen bleibt. Ich spüre es in mir, bei den Menschen um mich herum, wie die Spannung steigt, jede Geste, jede Bewegung scheint die Hoffnung zu signalisieren, dass eine Tür unmittelbar vor dem eigenen Standplatz zum Halten kommen möge, so als gelte es davon Besitz zu ergreifen, um sich einen, seinen Platz im Zug zu sichern.
Besonders viele Menschen sind es nicht auf dem Bahnsteig, aber jeden Einzelnen empfinde ich in diesem Moment als potentiellen Konkurrenten ein Blick durch die Fenster des haltenden, aber immer noch vorbei rollenden Zuges zeigt, dass dieser fast leer ist, aber seltsamerweise beruhigt es mich nicht, die Unruhe um mich herum spüre ich, sauge sie fast begierig auf, merke, wie sie von mir immer mehr Besitz ergreift - ich will meinen Platz!
Der Zug hat gehalten, eine Tür unmittelbar vor mir, dazwischen vielleicht zehn Menschen. Ich nehme zur Kenntnis, dass sie zwischen mir und der Tür stehen, empfinde sie als Hindernis auf meinem Weg zu meinem Platz, nehme sie aber als Menschen kaum wahr, Schatten, Schemen, Umrisse, Masse. Niemand wird offen aggressiv, alles verläuft kultiviert, trotzdem ein Schieben und Drängen, sehr versteckt, ein hartes Kofferrad, das über meinen Fuß gehoben, besser geschoben wird, ein Ellenbogen, der mich zur Seite drängt und dabei immer nachhaltiger schmerzt, eine kleine, ältere Dame, die sich von hinten und noch außer Puste mühelos den Weg nach vorn bahnt, wie ein Schneepflug die Menschen vor sich zur Seite schiebend, der Atem eines Mannes, der sich geschickt von der Seite in die Lücke hinter der älteren Dame drängt, und dabei voll mein Gesicht trifft. Alle auf dem Weg zu ihrem Platz!
Es ist mir unangenehm. Unangenehm nicht unbedingt wegen der versteckten Aggression der Menschen um mich herum, ich fühle vielmehr den Wunsch in mir auch aggressiv zu werden, mitzumischen, meinen Platz nicht preiszugeben, aber die ungebetene Nähe dieser vielen fremden Menschen ist mir unangenehm, so unangenehm, dass ich sogar den zwanghaften Wunsch aufgebe mich zu behaupten, meinen Platz zu verteidigen. Ich trete zurück, drücke nun gegen den Strom, spüre ungläubige Reaktionen und problemlos, so als wäre ich nicht mittendrin gewesen, schließt sich vor mir die Schlange wieder, es bleibt kein Loch an der Stelle, an der ich gewesen bin.
Ich habe meinen Platz aufgegeben, das Leben um mich herum geht weiter, so als habe es niemand bemerkt – als Letzter steige ich durch die Tür in den Zug, wo ist meine gerade heute neu erworbene Wichtigkeit geblieben?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen