Sonntag, 23. November 2014

VorWeihnachtszeit ...

... sie hat begonnen, die VorWeihnachtszeit.

Zuerst habe ich es bemerkt, als ich am Montag, im Morgengrauen fast gegen eine Hubbühne gefahren wäre, die unbeleuchtet nahezu in der Mitte der Strasse stand, darauf zwei Männer, die einen grossen Stern nach oben hievten, um ihn direkt über der Strasse aufzuhängen.

Die Weihnachtsauslagen in den Supermärkten bereits Ende September, hatten bei mir eher Ärger, denn Weihnachtsstimmung ausgelöst. Pfefferkuchenhäuser im September? Schwachsinn? 

Nun ja, in meiner Emotion wohl schon, die Leute kauften das Zeug, als gäbe es kein Morgen.

In den Tageszeitungen liegen die Kalender für 2015, die Zahl der Briefe von Hilfsorganisationen erhöht sich exzessiv, dringend, drängend, schlechtes Gewissen vermittelnd, wenn man tatsächlich überlegen sollte nicht zu spenden. 

Schon vor Wochen in den Kliniken die Frage, ob man doch auch wirklich an der Weihnachtsfeier teilnehmen würde, weniger als Frage, als gemeinsame Freude über etwas, was man im Lauf des Jahres geschafft hatte, mehr im kategorischen Imperativ.

Sie hat begonnen, die VorWeihnachtszeit.



Sonntag, 16. November 2014

Einer sagt so, der Andere so ....

  .. eine noch junge Frau, Anfang 40, ziemlich füllig, schwarz gekleidet, nicht auffällig, so überrascht es mich nicht, dass dies genau die Frau ist, die seit einiger Zeit angekündigt war und die vor allem kommt, um ihre Trauer zu bearbeiten.


  'Trauerarbeit', anfangen kann ich mit diesem Begriff bis heute wenig, um nicht zu sagen gar nichts! 



  Trauer ist für mich etwas sehr Individuelles, etwas was man empfindet, ein Zustand mit dem man persönlich klarkommen muss, etwas was schmerzt oder auch nicht, etwas was eine Leere hinterlässt, auch ein Neuanfang sein kann.



  Als grausam und Bestrafung für die Zurückbleibenden, die Hinterbliebenen, empfinde ich Trauerfeiern, speziell dann wenn die ganzen grau-schwarzen BerufsMitleidenden vor Ort sind, die grauen Friedhofskrähen der Dörfer etwa, die keine Trauerfeier auslassen und hatten sie noch so wenig mit dem "lieben Entschlafenen" zu tun.



  Frau S. mit ihren fünf Kindern zwischen 2 und 14 Jahren berichtet über den Tod ihres gleichaltrigen Ehemannes vor wenigen Monaten, "plötzlich und unerwartet", wahrscheinlich eine 'Herzgeschichte', sie sieht mich dabei nicht an, sitzt ruhig neben meinem Tisch, betrachtet meist ihre Hände, die ganz schlicht und ohne jeglichen Schmuck und ohne Nageldesign sehr gepflegt wirken.

  Einen Toten im wahrsten Sinne des Wortes im Bett neben sich zu finden, die Zeit danach, die Hilflosigkeit die ganzen notwendigen Dinge zu klären, Trauerfeier, den Kinder den Tod des Vaters zu erklären, die Nachlassregelung, Behördengänge, und und und ... eine Qual. Gleichzeitig musste sie die Abläufe, vom Kindergarten bis zum Gymnasium, der nunmehr 'nur noch' sechsköpfigen Familie aufrecht erhalten, eine Sysiphusarbeit.

  Zuerst hat sie alles wie in Trance erledigt, ist gar nicht dazu gekommen nachzudenken, was auch gut gewesen sei, erst, als dann einige Wochen später wieder etwas Ruhe einzog, Normalität, wie sie es nennt, hat sie gemerkt, wie erschöpft sie ist.

  Bis zu dieser Stelle hat sie sehr ruhig und sachlich berichtet, so als beträfe es nichts sie, sondern einen nicht im Raum anwesenden Dritten. Als sie über ihre Erschöpfung spricht scheint sie vor meinen Augen sichtlich in sich zusammen zu sinken, der Rücken wird etwas runder, das Gesicht, gerade noch vom Stolz über das Geleistete geprägt, wirkt plötzlich müde, die Hände werden unruhig, suchen etwas. Ich versuche ihr diskret eine Packung Taschentücher über den Tisch zu schieben, da ich annehme, sie kämpft nun doch mit den Tränen. 

  Sie nimmt die Packung auf, betrachtet sie ohne sie zu öffnen und legt sie wieder auf den Tisch, nach einem kurzen Blick auf mich, 'Nein, das ist es nicht'.

  Ihr Blick geht wieder auf die Hände, sie reibt die Daumen aneinander, schweigt und ich versuche zu erraten, welchen Gedanken sie gerade nachgeht. In meiner Vorstellung nistet sich ein, dass es um Verlust, Trauer, vielleicht sogar Hilflosigkeit gehen müsste, mir fällt nichts besseres ein als die Bemerkung, 'das war sicher alles für sie nicht leicht'.

  Nach einigen Augenblicken hebt sie den Blick zu mir und fängt mit sehr ruhiger Stimme an zu sprechen, über eine sehr schwierige Kindheit, die sie durchlebt hat, ihre Flucht mit 16 Jahren aus der elterlichen Wohnung, eine Zeit ohne feste soziale Bindung meist auf der Straße, das Eingehen einer Partnerschaft, nach einiger Zeit die erste Schwangerschaft, insgesamt in lockerer Folge 5 Geburten, eine Partnerschaft geprägt vom MutterSein, keine eigene berufliche Basis, ein Zusammenleben in der die Alkoholerkrankung des Mannes eine grosse und Gemeinsamkeit keine Rolle spielte. Es kam zu Gewalt, zuerst regelmäßig verbal, später körperlich und sie sah für sich keine Chance auszubrechen, wahrscheinlich hat sie es nie ernsthaft erwogen, 'wegen der Kinder, die brauchten doch einen Vater'. Sie sagt nicht ihren Vater, sie brauchten einen Vater.

  Es macht mir Mühe die Frage zu stellen, meine Stimme hört sich für mich dabei seltsam, gepresst, fast schrill an, ich habe das Gefühl dass sie sich eigentlich nicht schickt, 'Wie haben sie den Tod des Mannes empfunden'? Ich sage bewusst 'des Mannes', weil alles andere mir zu viel Verbundenheit ausgedrückt hätte.

  Sie schluckt, jetzt kommt aus dem linken Augenwinkel eine Träne, ich befürchte fast doch noch einen Gefühlsausbruch, sie nimmt sich ein Taschentuch, sieht mich dann wieder an und fasst ihre Empfindungen in einem kurzen Satz zusammen: "Es war eine Befreiung!" 

  Als sie die Träne, die inzwischen langsam nach unten rollend an ihrem Kinn angekommen ist, abwischt, holt sie tief Luft und fragt, "Was wollen Sie noch wissen?" Aus dem Klang ihrer Stimme wird mir nicht klar, ob am Ende ein Frage- oder ein Ausrufezeichen steht.

  Gemeinhin wird der Tod eines jungen Menschen als etwas Schlimmes angesehen, aber Einer sagt so, der Andere so ...












Der Koffer

  Am häufigsten sehe ich sie in meinen Gedanken an ihrem Küchentisch stehen, ich bin dahinter oder daneben auf einem Stuhl oder auf dem Fußboden, sitzend, fast immer sehe ich sie von hinten, klein, rund und und nach vorn gebeugt, so als habe sie keine Zeit sich mit mir, dem Kind, zu beschäftigen.

  Ich sehe sie oft wie auf einem Foto vor mir, wie damals, heute Jahrzehnte nach ihrem Tod, während sich für mich die Gesichter vieler anderer Menschen, die in einem Leben mehr oder weniger eine Rolle spielten, längst wieder ins Nichts aufgelöst haben.

  Eine kleine, alte und gebeugte Frau, graues Haar, streng hinten zu einem Knoten zusammen gebunden, wir nannten es Schwalbennest, darüber ein dünnes, hellgraues Netz, das sie nur abnahm, wenn sie die Haare neu ordnen musste, sie mochte es nicht leiden, wenn sich auch nur eine einzige Strähne aus dem Gefängnis befreite. Sie nestelte dann so lange daran herum, bis die äußerliche Strenge wiederhergestellt war. 

  Ich kann mich nicht erinnern, dass sie sich jemals die Zeit genommen hätte mit mir zu spielen. Wenn ich spielen wollte konnte ich das tun, jederzeit, auch mit anderen Kindern, Krach störte sie scheinbar nicht, wenn es ihr zu laut wurde ging sie still und ohne einen Kommentar in ihre Schlafstube, es dauerte meist nur kurze Zeit bis ich sie vermisste, ich fand sie dann immer auf einem alten, tiefen Polstersessel neben ihrem Schrankkoffer unter der einzigen Quelle für Tageslicht des großen Raumes, einem kleinen Dachfenster.

  Der Schrankkoffer war eigentlich eine bessere Kiste, ein Metallrahmen gab Halt, dünnes, leicht gewelltes Blech, mehr hoch als breit, die gebogene Klappe öffnete sich nach oben und wenn ich etwas suchte, musste ich mich hinein beugen, um auch auf dem Bode wühlen zu können. Zwei Kofferschlösser sollten den Inhalt sichern, Bügel, die das Unterteil mit dem Deckel verbanden und dann in einem stabilen Schließblech einrasteten. Der Schiebemechanismus zum Öffnen der Bügel, war sehr schwergängig, für meine Kinderhände nicht geeignet, der Inhalt wäre mir verborgen geblieben und so gehörte es zu meinen ersten positiven Leistungen zu ergründen, ob man mit dem Stiel eines Kaffeelöffels die Schlösser öffnen konnte. Es gelang.

  Ich glaube, der Koffer enthielt Dinge, die ihr wichtig waren, zumindest habe ich nichts gesehen, was sie mit mehr Respekt behandelt hätte.

  Das Kernstück war eine Holzschatulle, dunkelbraunes Holz, sehr massiv, mit geschnitzten Ornamenten, nochmals gesichert mit einem Schloss und nur ein einziges Mal gestattete ich mir einen Blick hinein, nachdem ich entdeckt hatte, dass der Schlüssel regelmäßig genau mittig unter ihrem Kopfkissen lag … und war enttäuscht. Nur alte Papiere! 

  Ich erinnere genau, dass ich sie oft in ihrem Sessel angetroffen habe, die aufgeklappte Schatulle auf ihrem Schoss und in den Papieren lesend, Papiere, die wahrscheinlich ein Leben widerspiegelten. Die Schatulle und diese Papiere existieren nicht mehr und ich bedauere sie niemals gelesen zu haben.