Mittwoch, 4. Juli 2018

Die Augen der Anderen


Augen können sehen, sie können sprechen, sie können Gefühle ausdrücken, gute und schlechte. Augen können glänzen, sie können stumpf wirken, sie können funkeln oder sprühen. Sprühen können sie vor Freude, aber auch vor Emotion, sie können alles zwischen Liebe und Hass ausdrücken, sie können weich sein oder Härte ausdrücken, sie können Leidenschaftlichkeit vermitteln oder Gleichgültigkeit. 

Es ist eine ganz normale dienstliche Situation, nicht anregend, nicht erregend, reine Routine, eintönig. Die Langeweile wird lähmend, ermüdend, es gilt nicht einzuschlafen. Um mich abzulenken, sehe ich in die Gesichter um mich herum, Gesichter, die ich schon oft gesehen habe, im täglichen Allerlei des Jobs, normale Gesichter, Durchschnittsgesichter, Gesichter die bei mir keine nennenswerten Emotionen ausgelöst hatten, Gesichter eben.

Mit leicht nach unten geneigtem Kopf mustere ich in der Hoffnung meine Blicke damit zu verbergen die Gesichter um mich herum, es wäre mir unangenehm ertappt zu werden, fühle mich wie ein Voyeur. 

Mein Blick bleibt an zwei Augen hängen, unmittelbar gegenüber, zwei Augen, die zuerst in eine andere Richtung sehen und sich nach wenigen Sekunden direkt auf mich richten. Die Blicke begegnen sich zufällig, ich fühle mich ertappt, sehe weg, ein Kribbeln im Genick, ein Zeichen, dass mich irgendetwas bewegt, ich merke, dass der Blick der anderen Augen noch auf mir lastet, ein Gefühl, als ob sich der Blick in meine Haut einfrisst, unangenehm werdend, ich bin versucht dort zu kratzen, wo ich den Blick spüre.

Augen können sehen, wir können mit ihnen sehen und wir können sie sehen, alles vergänglich.


Dienstag, 26. Juni 2018

Eine einfache Straße 1

Eine einfache, kleine Straße im früheren thüringisch-hessischen Grenzgebiet. Entstanden ist sie wahrscheinlich nicht aus geographischer Notwendigkeit, sondern als Folge der sich manifestierenden deutschen Teilung in den 50 Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die frühere Grenze verlief in diesem Bereich in häufig wechselnden Richtungen, sodass einzelne Orte auf den gewachsenen Straßen nicht mehr zu erreichen waren. Schnell wurden neue Straßen gebaut, Eisenbahnlinien umgestaltet, einige Regionen mußten von Osten her neu erschlossen werden, da sie sich historisch eher nach Hessen orientiert hatten.

So ist, nach Erzählung alter Eingeborener, auch unsere Straße entstanden. Ich verlasse mich dabei auf die Berichte der schon länger hier Lebenden, bin ich doch selbst erst vor 25 Jahren in diese Gegend gezogen und nach wie vor ein Fremder. 

Diese kleine Straße führt also in unser Dorf, die Einwohnerzahl wird nach offizieller Statistik mit 388 angegeben, nachgezählt habe ich es nicht. Ich verlasse mich auf die Statistik. 

Offizielle Statistiken sind übrigens toll. 

Unserem Ort wird im Bezug auf den Thüringendurchschnitt ein besonders hohes Verkehrsunfallaufkommen zugeschrieben, dabei mit einem hohen Anteil an Personenschäden. Ich höre schon die Frage, wie man sich als halbwegs verantwortungsvoller Mensch in einem solchen Ort niederlassen kann. Kinder, Enkel und Urenkel sind über Generationen nicht nur durch Lehrer und Erzieher, durch Borreliose, Laktoseintoleranz, Weizenunverträglichkeit und multiple Allergien gefährdet, sondern zu allem Unglück auch noch durch Verkehrsrowdys.

Betrachtet man die Statistik genauer legt sich die Angst schnell wieder. Auf unserer Durchgangsstraße wurde im Jahresmittel 1 Unfall registriert, dummerweise mit einem Verletzten, also Entwarnung. Es bleibt die schicksalhafte Gefährdung durch Lehrer und Erzieher, durch Borreliose, Laktoseintoleranz, Weizenunverträglichkeit und multiple Allergien. 

Auf unserem Grundstück haben wir bei unserer Ankunft mehrere Bäume gepflanzt, die heute sehr groß und insgesamt mit stattlichen Maßen ausgerüstet sind. Ein Kirschbaum, ein Nussbaum, eine Pflaume und ein Ginkgo. 

Der Ginkgo war ein Geschenk, erhalten nach einem Vortrag für eine Selbsthilfegruppe, damals ein spillriger Stecken in einem kleinen Topf mit 2 Blättern. Heute, rund 20 Jahre später ist er zwar noch kein Riese, aber doch ein stattlicher Baum mit rund 3 Meter Höhe. Wer weiß, wie langsam in unseren Breiten ein Ginkgo wächst, wird bestätigen, dass dies schon ein beachtlicher Erfolgt ist.

Der Stammdurchmesser der Kirsche liegt bei über einem halben Meter, die Pflaume hat die Endhöhe von ca. 7 Metern erreicht, unter der Krone der Walnuss findet problemlos eine größere Sitzgruppe Raum und Schatten.

Die letzte Errungenschaft, ein Amerikanischer Tulpenbaum, eine Magnolienform, steht erst kurze Zeit, wirkt mit seinen rund 2 Metern Höhe und dem zarten Stamm dagegen noch sehr jugendlich. Er muss mit seinem biegsamen und empfindlichen Stamm geschützt werden und der Durchmesser der vier stützenden Stangen um ihn herum ist größer als seine Stammdicke. Ich lese, dass es 8 bis 10 Jahre dauern soll bis er die ersten seiner phantastischen gelben Blüten trägt. Das hoffe ich noch zu erleben. Seine maximale Wuchshöhe wird mit rund 4o Metern angegeben, das werde ich nicht mehr sehen können, er wird mich überdauern, sofern ihn nicht beim nächsten Gewitter der Blitz fällt. Ich ertappe mich dabei, dass ich dies nicht traurig finden würde, obwohl mir der Baum in seiner urwüchsigen Form hohen Respekt abnötigt.

Es ist schon eine interessante Konstellation. Ich habe Bäume gesetzt, die Bäume leben ihr Leben, wahrscheinlich werden sie länger leben als ich, aber ich gehöre in unserem Dorf nach wie vor zu den Fremden, zu den Zugereisten. Die Bäume haben Wurzeln geschlagen.

Das Schicksal teilen wir allerdings mit einigen Anderen im Dorf, mit Familien, die unmittelbar nach dem letzten Krieg als Vertriebene oder Flüchtlinge ins Dorf gekommen waren. Die sind auch nach wie vor die Fremden, wobei von Fremden wird bei denen nicht mehr gesprochen, sie sind aber heute noch oder wieder die Flüchtlingsfamilien.

Wahrscheinlich waren sie nach dem Krieg auf der Flucht auf der damals nur provisorisch befestigten Straße, eher einem Feldweg, ins Dorf gekommen. Jetzt ist es eine einfache, schmale Straße.


Sonntag, 27. August 2017

Der zitternde Hooligan

Er sitzt vor mir, zittert, der Schweiß läuft ihm rechts und links über das immer blassere Gesicht, tropft nach unten und hat schon Flecke auf dem ehemals weißen, jetzt grau wirkenden T-Shirt gebildet. Ich sehe, wie sich seine Hände um die Stuhlkante verkrampfen, er versucht sich festzuhalten und gerät gleichzeitig immer mehr in Panik, seine Gedanken und sein Kopf fahren mit ihm Karussell. Die Fingerknöchel werden weiß, weil er sich immer stärker verkrampft und am Hals sind im Rhythmus des rasend schnellen Pulsschlags die Blutgefäße zu sehen.

Er ist für einen Mann klein von Statur, vielleicht knapp 1,70 m, schmale Schultern. Inzwischen liegt er - absolut kraftlos wirkend - mehr auf seinem Stuhl, als dass er sitzt.

Es ist nachts gegen, 2.00 Uhr, eine ruhige Sommernacht, etwas warm, sicher über die berühmten 20 Grad Celsius mit denen man eine Nacht als "tropisch" klassifiziert.

Seine Stimme zittert, als erzählt, dass er geschlafen hat, dann vor einer Stunde aufgewacht ist, schweißgebadet, Herzrasen verspürt und sein Kopf mit ihm Karussell fährt, so als sei er völlig betrunken. 

Seine Stimme stockt, er rutscht nach vorn von seinem Stuhl, setzt sich zuerst, rutscht dann weiter und legt sich flach auf den Boden. Seine Hände suchen rechts und links des Körpers Halt, finden nichts, seine unruhigen Augen füllen sich mit Tränen und es scheint ihm wie eine kleine Erlösung als er im Liegen etwas Flüssigkeit erbricht.

Er rappelt sich jetzt auf, nimmt eine Handvoll grüner Papierhandtücher aus dem Spender an der Wand und wischt die erbrochene Flüssigkeit auf. Unsicher wirkt er dabei noch immer, sein Gang taumelnd, aber trotzdem etwas sicherer, so als sei er mit dem Erbrechen etwas übermächtig Belastendes losgeworden.

Als er damit fertig ist, setzt er sich zurück auf den Stuhl, immer noch schweißgebadet, im wahrsten Sinne des Wortes leichenblass, aber etwas ruhiger wirkend.

Erst jetzt, als die Dramatik des Augenblicks etwas nachläßt, nehme ich seine Tattoos wahr. Die linke Wange ist bis zum Haaransatz tätowiert, ein schlangenähnliches Wesen, welches neben dem linken Auge beginnend über Gesicht und Hals nach unten verläuft und unter dem nassen T-Shirt verschwindet. Beide Unterarme sind tätowiert, so stark, dass sie fast durchgängig schwarz mit etwas Farbe aufgelockert anmuten. Die Unterarme nicht sehr kräftig, dabei aber sehnig, Kraft scheint er trotz seines schlanken Körpers zu haben. Aus der kurzen Hose seines Schlafanzuges ragen die Beine heraus, dünne Waden und ebenfalls tätowiert bis zum Knie und wahrscheinlich noch ein Stück darüber hinaus. Unter dem Vorwand Herz und Lunge abhören zu wollen sehe ich mir den Rest des Körpers an, auch hier Tattoos über Tattoos. 

Jetzt bemerke ich auch die vielen kleinen Narben in seinem Gesicht, Augenbrauen, Nasenflügel, Lippen, Ohrmuscheln, jeweils besetzt mit vielen kleinen Narben, Stellen, an denen früher Piercings saßen. 

Langsam, ganz langsam beruhigt er sich, es dauert fast eine Stunde bis er wieder im "Normalbetrieb" ist. 

Wir kommen ins Gespräch und stockend berichtet er, dass ihn solche Panikattacken schon seit seiner Kindheit quälen. Er erzählt von einem dominanten, gewalttätigen Vater, dem die Hand sehr locker saß, von Beruf Kohlenträger und darauf fixiert, einen Teil seiner freitäglichen Lohntüte gleich ins Wirtshaus zu tragen. Damals kostete das Glas Bier zu 0,3 noch 40 Pfennige und mit seinem Limit von 5 Mark war er gut dabei. Zu Hause gab es dann Prügel für die Kinder und sein Anteil als Ältester war auf jeden Fall immer gesichert. Die Mutter war ängstlich, als Hilfe für die Kinder in diesen Gewaltorgien praktisch nicht präsent.

Mit 16 und einem halben Jahr ging er heimlich aus dem Haus, zog zu einer Freundin, deren Eltern ihn aufnahmen, er erlernte einen Beruf bei der Bahn, die Uniform gab ihm einen gewissen Halt. Mit 18 heirateten sie, 2 Kinder kamen, alles schien geordnet.

Als seiner Frau dann die Belastung mit den beiden Kindern zu groß wurde, blieb sie zu Hause, heute fällt dies wohl unter den Titel "Hausfrau und Mutter". Die Verantwortung für die soziale Absicherung der Familie blieb allein bei ihm, der Verdienst als Bahner nicht eben üppig. Sonderschichten, Nebenjobs blieben nicht aus. 

Nach kurzer Zeit merkt er, dass die Belastung für ihn zu groß wird. Er wird reizbar, spürt eine steigende Aggressivität, es stört ihn die berühmte Fliege an der Wand.

Sein Leben schwankt seitdem zwischen Angst und Panik einerseits und Aggression andererseits. Fühlt er sich überlegen neigt er zu aggressiven Ausbrüchen, fühlt er sich unter Druck und passiv unterlegen reagiert er mit Panikattacken. Zu Hause dominieren aggressive Gefühle und Angst den gleichen Weg zu gehen wie sein Vater, seine Aggressivität an Frau und Kindern auszutoben.

Inzwischen hat er gelernt seine Gefühle zu kanalisieren. 

Das martialische Outfit mit Tattoos und Piercings war der erste Schritt. Im zweiten Schritt schließt er sich der Hooliganszene seiner Fußball-Heimmannschaft, einem wegen seiner Fans gefürchteten Drittligisten an.

Seitdem geht er zu jedem Spiel, Fußball ist die eine Seite der Medaille, primär   geht er um sich zu prügeln. Und da er eher klein und schmächtig ist, bekommt er regelmäßig "auf die Fresse". Der Schmerz ist das Wichtigste daran, er hilft ihm, seine Gefühle zu bändigen und seine Aggression nicht an seiner Familie auszulassen.

Stadionverbote, Geldstrafen, Sozialstunden, eine Freiheitsstrafe auf Bewährung stehen auf seinem Haben-Konto. Seine Familie hat dagegen er nicht geschlagen. 

Dafür gehört er zum harten Kern der Hooligangemeinde seines Vereines, immer vorn dran, immer einer der Ersten, wenn es zur Sache geht, nicht selten sogar von ihm provoziert.

Es verwundert mich nicht mehr, als er mir einige Tage später erzählt, dass viele seiner Hooligan-Kumpel auch so arme Schweine sind, wie er selbst, ein zitternder Hooligan.

Dabei zittern sie nicht vor dem körperlichen Schmerz in der Auseinandersetzung, im Gegenteil, der hilft ihnen sogar. Sondern sie zittern vor den Belastungen des ganz normalen Lebens, denen sie nicht gewachsen sind.


Sonntag, 23. November 2014

VorWeihnachtszeit ...

... sie hat begonnen, die VorWeihnachtszeit.

Zuerst habe ich es bemerkt, als ich am Montag, im Morgengrauen fast gegen eine Hubbühne gefahren wäre, die unbeleuchtet nahezu in der Mitte der Strasse stand, darauf zwei Männer, die einen grossen Stern nach oben hievten, um ihn direkt über der Strasse aufzuhängen.

Die Weihnachtsauslagen in den Supermärkten bereits Ende September, hatten bei mir eher Ärger, denn Weihnachtsstimmung ausgelöst. Pfefferkuchenhäuser im September? Schwachsinn? 

Nun ja, in meiner Emotion wohl schon, die Leute kauften das Zeug, als gäbe es kein Morgen.

In den Tageszeitungen liegen die Kalender für 2015, die Zahl der Briefe von Hilfsorganisationen erhöht sich exzessiv, dringend, drängend, schlechtes Gewissen vermittelnd, wenn man tatsächlich überlegen sollte nicht zu spenden. 

Schon vor Wochen in den Kliniken die Frage, ob man doch auch wirklich an der Weihnachtsfeier teilnehmen würde, weniger als Frage, als gemeinsame Freude über etwas, was man im Lauf des Jahres geschafft hatte, mehr im kategorischen Imperativ.

Sie hat begonnen, die VorWeihnachtszeit.



Sonntag, 16. November 2014

Einer sagt so, der Andere so ....

  .. eine noch junge Frau, Anfang 40, ziemlich füllig, schwarz gekleidet, nicht auffällig, so überrascht es mich nicht, dass dies genau die Frau ist, die seit einiger Zeit angekündigt war und die vor allem kommt, um ihre Trauer zu bearbeiten.


  'Trauerarbeit', anfangen kann ich mit diesem Begriff bis heute wenig, um nicht zu sagen gar nichts! 



  Trauer ist für mich etwas sehr Individuelles, etwas was man empfindet, ein Zustand mit dem man persönlich klarkommen muss, etwas was schmerzt oder auch nicht, etwas was eine Leere hinterlässt, auch ein Neuanfang sein kann.



  Als grausam und Bestrafung für die Zurückbleibenden, die Hinterbliebenen, empfinde ich Trauerfeiern, speziell dann wenn die ganzen grau-schwarzen BerufsMitleidenden vor Ort sind, die grauen Friedhofskrähen der Dörfer etwa, die keine Trauerfeier auslassen und hatten sie noch so wenig mit dem "lieben Entschlafenen" zu tun.



  Frau S. mit ihren fünf Kindern zwischen 2 und 14 Jahren berichtet über den Tod ihres gleichaltrigen Ehemannes vor wenigen Monaten, "plötzlich und unerwartet", wahrscheinlich eine 'Herzgeschichte', sie sieht mich dabei nicht an, sitzt ruhig neben meinem Tisch, betrachtet meist ihre Hände, die ganz schlicht und ohne jeglichen Schmuck und ohne Nageldesign sehr gepflegt wirken.

  Einen Toten im wahrsten Sinne des Wortes im Bett neben sich zu finden, die Zeit danach, die Hilflosigkeit die ganzen notwendigen Dinge zu klären, Trauerfeier, den Kinder den Tod des Vaters zu erklären, die Nachlassregelung, Behördengänge, und und und ... eine Qual. Gleichzeitig musste sie die Abläufe, vom Kindergarten bis zum Gymnasium, der nunmehr 'nur noch' sechsköpfigen Familie aufrecht erhalten, eine Sysiphusarbeit.

  Zuerst hat sie alles wie in Trance erledigt, ist gar nicht dazu gekommen nachzudenken, was auch gut gewesen sei, erst, als dann einige Wochen später wieder etwas Ruhe einzog, Normalität, wie sie es nennt, hat sie gemerkt, wie erschöpft sie ist.

  Bis zu dieser Stelle hat sie sehr ruhig und sachlich berichtet, so als beträfe es nichts sie, sondern einen nicht im Raum anwesenden Dritten. Als sie über ihre Erschöpfung spricht scheint sie vor meinen Augen sichtlich in sich zusammen zu sinken, der Rücken wird etwas runder, das Gesicht, gerade noch vom Stolz über das Geleistete geprägt, wirkt plötzlich müde, die Hände werden unruhig, suchen etwas. Ich versuche ihr diskret eine Packung Taschentücher über den Tisch zu schieben, da ich annehme, sie kämpft nun doch mit den Tränen. 

  Sie nimmt die Packung auf, betrachtet sie ohne sie zu öffnen und legt sie wieder auf den Tisch, nach einem kurzen Blick auf mich, 'Nein, das ist es nicht'.

  Ihr Blick geht wieder auf die Hände, sie reibt die Daumen aneinander, schweigt und ich versuche zu erraten, welchen Gedanken sie gerade nachgeht. In meiner Vorstellung nistet sich ein, dass es um Verlust, Trauer, vielleicht sogar Hilflosigkeit gehen müsste, mir fällt nichts besseres ein als die Bemerkung, 'das war sicher alles für sie nicht leicht'.

  Nach einigen Augenblicken hebt sie den Blick zu mir und fängt mit sehr ruhiger Stimme an zu sprechen, über eine sehr schwierige Kindheit, die sie durchlebt hat, ihre Flucht mit 16 Jahren aus der elterlichen Wohnung, eine Zeit ohne feste soziale Bindung meist auf der Straße, das Eingehen einer Partnerschaft, nach einiger Zeit die erste Schwangerschaft, insgesamt in lockerer Folge 5 Geburten, eine Partnerschaft geprägt vom MutterSein, keine eigene berufliche Basis, ein Zusammenleben in der die Alkoholerkrankung des Mannes eine grosse und Gemeinsamkeit keine Rolle spielte. Es kam zu Gewalt, zuerst regelmäßig verbal, später körperlich und sie sah für sich keine Chance auszubrechen, wahrscheinlich hat sie es nie ernsthaft erwogen, 'wegen der Kinder, die brauchten doch einen Vater'. Sie sagt nicht ihren Vater, sie brauchten einen Vater.

  Es macht mir Mühe die Frage zu stellen, meine Stimme hört sich für mich dabei seltsam, gepresst, fast schrill an, ich habe das Gefühl dass sie sich eigentlich nicht schickt, 'Wie haben sie den Tod des Mannes empfunden'? Ich sage bewusst 'des Mannes', weil alles andere mir zu viel Verbundenheit ausgedrückt hätte.

  Sie schluckt, jetzt kommt aus dem linken Augenwinkel eine Träne, ich befürchte fast doch noch einen Gefühlsausbruch, sie nimmt sich ein Taschentuch, sieht mich dann wieder an und fasst ihre Empfindungen in einem kurzen Satz zusammen: "Es war eine Befreiung!" 

  Als sie die Träne, die inzwischen langsam nach unten rollend an ihrem Kinn angekommen ist, abwischt, holt sie tief Luft und fragt, "Was wollen Sie noch wissen?" Aus dem Klang ihrer Stimme wird mir nicht klar, ob am Ende ein Frage- oder ein Ausrufezeichen steht.

  Gemeinhin wird der Tod eines jungen Menschen als etwas Schlimmes angesehen, aber Einer sagt so, der Andere so ...












Der Koffer

  Am häufigsten sehe ich sie in meinen Gedanken an ihrem Küchentisch stehen, ich bin dahinter oder daneben auf einem Stuhl oder auf dem Fußboden, sitzend, fast immer sehe ich sie von hinten, klein, rund und und nach vorn gebeugt, so als habe sie keine Zeit sich mit mir, dem Kind, zu beschäftigen.

  Ich sehe sie oft wie auf einem Foto vor mir, wie damals, heute Jahrzehnte nach ihrem Tod, während sich für mich die Gesichter vieler anderer Menschen, die in einem Leben mehr oder weniger eine Rolle spielten, längst wieder ins Nichts aufgelöst haben.

  Eine kleine, alte und gebeugte Frau, graues Haar, streng hinten zu einem Knoten zusammen gebunden, wir nannten es Schwalbennest, darüber ein dünnes, hellgraues Netz, das sie nur abnahm, wenn sie die Haare neu ordnen musste, sie mochte es nicht leiden, wenn sich auch nur eine einzige Strähne aus dem Gefängnis befreite. Sie nestelte dann so lange daran herum, bis die äußerliche Strenge wiederhergestellt war. 

  Ich kann mich nicht erinnern, dass sie sich jemals die Zeit genommen hätte mit mir zu spielen. Wenn ich spielen wollte konnte ich das tun, jederzeit, auch mit anderen Kindern, Krach störte sie scheinbar nicht, wenn es ihr zu laut wurde ging sie still und ohne einen Kommentar in ihre Schlafstube, es dauerte meist nur kurze Zeit bis ich sie vermisste, ich fand sie dann immer auf einem alten, tiefen Polstersessel neben ihrem Schrankkoffer unter der einzigen Quelle für Tageslicht des großen Raumes, einem kleinen Dachfenster.

  Der Schrankkoffer war eigentlich eine bessere Kiste, ein Metallrahmen gab Halt, dünnes, leicht gewelltes Blech, mehr hoch als breit, die gebogene Klappe öffnete sich nach oben und wenn ich etwas suchte, musste ich mich hinein beugen, um auch auf dem Bode wühlen zu können. Zwei Kofferschlösser sollten den Inhalt sichern, Bügel, die das Unterteil mit dem Deckel verbanden und dann in einem stabilen Schließblech einrasteten. Der Schiebemechanismus zum Öffnen der Bügel, war sehr schwergängig, für meine Kinderhände nicht geeignet, der Inhalt wäre mir verborgen geblieben und so gehörte es zu meinen ersten positiven Leistungen zu ergründen, ob man mit dem Stiel eines Kaffeelöffels die Schlösser öffnen konnte. Es gelang.

  Ich glaube, der Koffer enthielt Dinge, die ihr wichtig waren, zumindest habe ich nichts gesehen, was sie mit mehr Respekt behandelt hätte.

  Das Kernstück war eine Holzschatulle, dunkelbraunes Holz, sehr massiv, mit geschnitzten Ornamenten, nochmals gesichert mit einem Schloss und nur ein einziges Mal gestattete ich mir einen Blick hinein, nachdem ich entdeckt hatte, dass der Schlüssel regelmäßig genau mittig unter ihrem Kopfkissen lag … und war enttäuscht. Nur alte Papiere! 

  Ich erinnere genau, dass ich sie oft in ihrem Sessel angetroffen habe, die aufgeklappte Schatulle auf ihrem Schoss und in den Papieren lesend, Papiere, die wahrscheinlich ein Leben widerspiegelten. Die Schatulle und diese Papiere existieren nicht mehr und ich bedauere sie niemals gelesen zu haben.


Montag, 19. Mai 2014

Unangenehm ....


.. Wien – die europäische Stadt mit dem größten Charme, Europas größer Konsumtempel, hastende Menschen von der Badener Bahn hin zum SCS, eine schmale Unterführung, durch die alle kommen müssen. Schieben, Drängen, missgelaunte Menschen, es riecht unangenehm stechend nach Urin, an den Wänden schmutzige Graffitis, Farbschichten mehrfach übereinander.



Ein Mann undefinierbaren Alters - am Boden im Durchgang sitzend, er lehnt mit dem Rücken an der Wand, die Beine hat er nach vorn ausgestreckt, so dass die schiebende, drängende Menge zumindest zur Hälfte über seine Beine steigen muss.




Alte, zerrissene, ehemals wahrscheinlich schwarze Turnschuhe – Farbe bleibt unklar, Hose hoch gerutscht, Beine schmutzig, viele aufgekratzte Stellen, das linke Bein mit einem sichtbaren, offenen Geschwür, verdreckte Sachen, Bart, der Mann sehr ungepflegt. Er sieht scheinbar vor sich auf den Boden mit halb geschlossenen Augen. Neben seinen Beinen liegt eine Mütze, die Öffnung nach oben, daneben ein Schild, auf einem grob ausgerissenen Stück Papier handgeschrieben: „Danke“.

Ist es der Mensch, der dort sitzt? Seine offen zur Schau gestellte Armut, von der ich mich provoziert fühle? Ist es die Ahnung, dass auch ich über seine Beine hinwegsteigen werde? Soll ich etwas in seine Mütze werfen um mein Gewissen zu beruhigen? Blitzartig fallen mir die vielen Bemerkungen über Bettler und deren vermeintliche Tricks ein. Es ist mir unangenehm, aus meiner Hosentasche Geld zu nehmen, es ist mir unangenehm es in die Mütze zu werfen. Werfen möchte ich es gleich gar nicht, wenn überhaupt, dann muß ich mich bücken und das Geld hineinlegen. Sobald ich mich bücke, werden es die anderen um mich herum wahrnehmen, die nichts in seine Mütze werfen .....

Ich überlege fieberhaft, wie ich der  Situation ausweichen kann. Neben mir, hinter mir, vor mir gehen Menschen, ich kann nicht ausweichen, aber ich könnte es doch, wenn ich Andere zur Seite dränge. Ist es mir auch unangenehm Gehende zur Seite zu drängen, um nicht über den am Boden Sitzenden hinwegsteigen zu müssen?

Unmittelbar vor mir nähert sich ihm eine Frau mit einem Kinderwagen – er zieht ohne den Kopf auch nur eine Spur zu drehen die Beine ein, sie geht vorbei, sieht ihn an, er lächelt leicht ... und streckt die Beine direkt vor mir wieder aus, mich hemmend, mich fordernd.

Neben ihm liegt seine Mütze, davor das Stück Papier mit „Danke“, ich fühle mich beschämt, provoziert, ärgerlich, dass er mir diese Konfrontation, mit der ich nicht umgehen kann, nicht erspart, drücke mich um seine Beine herum, nicke ihm zu, versuche ein Lächeln, merke selbst wie verkrampft ich bin – und helfe der Frau mit dem Kinderwagen die Treppe hinauf.... Ob es mein Gefühl beruhigt?

Aber warum hätte er gerade mich schonen sollen? In Wien, in der europäischen Stadt mit dem größten Charme.