Montag, 19. Mai 2014

Unangenehm ....


.. Wien – die europäische Stadt mit dem größten Charme, Europas größer Konsumtempel, hastende Menschen von der Badener Bahn hin zum SCS, eine schmale Unterführung, durch die alle kommen müssen. Schieben, Drängen, missgelaunte Menschen, es riecht unangenehm stechend nach Urin, an den Wänden schmutzige Graffitis, Farbschichten mehrfach übereinander.



Ein Mann undefinierbaren Alters - am Boden im Durchgang sitzend, er lehnt mit dem Rücken an der Wand, die Beine hat er nach vorn ausgestreckt, so dass die schiebende, drängende Menge zumindest zur Hälfte über seine Beine steigen muss.




Alte, zerrissene, ehemals wahrscheinlich schwarze Turnschuhe – Farbe bleibt unklar, Hose hoch gerutscht, Beine schmutzig, viele aufgekratzte Stellen, das linke Bein mit einem sichtbaren, offenen Geschwür, verdreckte Sachen, Bart, der Mann sehr ungepflegt. Er sieht scheinbar vor sich auf den Boden mit halb geschlossenen Augen. Neben seinen Beinen liegt eine Mütze, die Öffnung nach oben, daneben ein Schild, auf einem grob ausgerissenen Stück Papier handgeschrieben: „Danke“.

Ist es der Mensch, der dort sitzt? Seine offen zur Schau gestellte Armut, von der ich mich provoziert fühle? Ist es die Ahnung, dass auch ich über seine Beine hinwegsteigen werde? Soll ich etwas in seine Mütze werfen um mein Gewissen zu beruhigen? Blitzartig fallen mir die vielen Bemerkungen über Bettler und deren vermeintliche Tricks ein. Es ist mir unangenehm, aus meiner Hosentasche Geld zu nehmen, es ist mir unangenehm es in die Mütze zu werfen. Werfen möchte ich es gleich gar nicht, wenn überhaupt, dann muß ich mich bücken und das Geld hineinlegen. Sobald ich mich bücke, werden es die anderen um mich herum wahrnehmen, die nichts in seine Mütze werfen .....

Ich überlege fieberhaft, wie ich der  Situation ausweichen kann. Neben mir, hinter mir, vor mir gehen Menschen, ich kann nicht ausweichen, aber ich könnte es doch, wenn ich Andere zur Seite dränge. Ist es mir auch unangenehm Gehende zur Seite zu drängen, um nicht über den am Boden Sitzenden hinwegsteigen zu müssen?

Unmittelbar vor mir nähert sich ihm eine Frau mit einem Kinderwagen – er zieht ohne den Kopf auch nur eine Spur zu drehen die Beine ein, sie geht vorbei, sieht ihn an, er lächelt leicht ... und streckt die Beine direkt vor mir wieder aus, mich hemmend, mich fordernd.

Neben ihm liegt seine Mütze, davor das Stück Papier mit „Danke“, ich fühle mich beschämt, provoziert, ärgerlich, dass er mir diese Konfrontation, mit der ich nicht umgehen kann, nicht erspart, drücke mich um seine Beine herum, nicke ihm zu, versuche ein Lächeln, merke selbst wie verkrampft ich bin – und helfe der Frau mit dem Kinderwagen die Treppe hinauf.... Ob es mein Gefühl beruhigt?

Aber warum hätte er gerade mich schonen sollen? In Wien, in der europäischen Stadt mit dem größten Charme.

Wie die evangelische Amtskirche - beinahe - ein zahlendes Mitglied verlor ...

... Mitglied der Kirche zu werden ist nicht schwer.


1949, ich werde geboren, meine Eltern der Kirche gehörten der evangelischen Kirche an, warum auch immer, zumindest habe ich sie in der Kirche nie gesehen, nicht einmal geheiratet haben sie dort. Aber die Oma, die Oma brauchte eine neue Orientierung nachdem der Führer sein Volk  in schnöder Weise verlassen hatte und mit ihm hatte sie auch ihre klare Orientierung verloren. 


Der Mittelpunkt ihres Lebens in der kleinen Gemeinde Dittelstedt wurde der Pfarrer der Gustav-Adolf-Kirche auf dem Herrenberg, wir Kinder nannten ihn den Rabenhügel.





Oma Anna ist im Kirchenrat, zuständig für die Tagungen des Kirchenrates, jede Woche Freitag in der Wohnung des Dorfpfarrers, sie reinigt die Kirche, bereitet die Gottesdienst vor, kümmert sich mit strengem Blick um das Füllen der Kollekte, niemand wagt sich an ihr vorbei ohne etwas hineinzulegen.



Ich werde geboren, niemand hatte mich gefragt ob ich das wollte, niemand schert sich auch um meine Meinung, ob ich Glied der Kirche werden will. "Er wird getauft, basta", Oma Anna entscheidet.


Nach Jahren, Konfirmantenunterricht ist angesagt, hat ein 13 Jähriger Lust zum Konfirmantenunterricht? Natürlich nicht, also wird geschwänzt. Der Pfarrer wird zu Hause vorstellig, den Vater interessiert es nicht, die Mutter hat von Haus aus keine Beziehung zur Institution Kirche und Oma Anna ist schon alt.

Meine Mutter und der Pfarrer gehen einen Deal ein: Damit Oma Anna nichts von meiner Verfehlung erfährt tauscht der Pfarrer Schweigen gegen Kuchen.

Meine Mutter liefert auf streng freiwilliger Baisis dem Pfarrer jeden Freitag einen frisch gebackenen Kuchen für die Tagung des Kirchenvorstands! 

Meist war es ein Aschkuchen, der war wohl am Schnellsten zubereitet.

Und jeder war's - eine Weile lang - zufrieden: Der Pfarrer hatte seinen kostenlosen Kuchen, er galt gemeinhin in Dittelstedt als Schnorrer, Oma Anna war, wenn auch schaumgebremst stolz auf ihre kuchenliefernde Schwiegertochter, meine Mutter hatte ihre Ruhe und ich Freizeit.

Bis, ja, bis meine Mutter eine Patenschaft übernehmen wollte. Dazu brauchte es einer Bestätigung des Pfarrers, dass sie ihr Kind im Sinne des Herrn erzog - und das hiess: Konfirmantenunterricht für mich. Und ich wollte Freizeit!

Lange Rede kurzer Sinn: Ich ohne Unterricht, meine Mutter ohne Papier ... und den Pfarrer erreichte ab sofort kein Kuchen mehr!

Den Höhepunkt des kirchlichen Streites konnte ich miterleben: der Pfarrer stand in unserer Küchentür, um a) um gut Wetter und b) weiter um den wöchentlichen Kuchen zu bitten. 

Meine Mutter mit hochrotem Gesicht, sie neigte dazu und bis zu ihrem Tode konnten die Menschen in ihrem Umfeld die Stimmung der Oma an der Röte ihres Gesichts ablesen und sich bei Bedarf rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Die Hände ununterbrochen an der Küchenschürze abwischend, steht sie mit hochrotem Gesicht vor dem Pfarrer und bringt es in ihrer gewohnt nachsichtigen Weise auf den Punkt: "Den Wisch geben sie mir nicht, aber jede Woche fressen sie meinen Kuchen!"

Der Pfarrer hat nie wieder einen kostenfreien Kuchen bekommen, meine Mutter nicht ihren "Wisch" und ich hatte Freizeit.

Wenige Tage später musste mein Vater den Kirchenaustritt der Familie auf dem Erfurter Standesamt erklären.

So verlor die evangelische Kirchgemeinde ein Gemeindeglied.

Bis, ja bis zu meiner Heirat! 

Meine Frau ist Kirchenmitglied und wir sind gemeinsam steuerveranlagt, also zahle ich weiter fleissig Kirchensteuer, das Geld nimmt die Kirche gern, auf meine aktive Mitarbeit hat man mich über Jahrzehnte nie wieder angesprochen.







"Bekommen Sie schon Vergünstigungen ....?"

.... ich kann mit der Frage des jungen Mannes an der Kasse des Sommerpalais in Greiz , am Eingang zum Satiricum nichts anfangen, will sie geflissentlich überhören, um nicht zeigen zu müssen, dass ich sie nicht verstanden habe. 
Der Antwort heischende Ductus seiner Frage und sein fragender Blick lassen dies aber nicht zu. Ein unsicherer Blick zu meiner Frau neben mir, die den Anschein vermittelt, als hätte sie nicht zugehört, ich sehe sie schmunzeln und es fällt mir wie Schuppen aus den Haaren, der Kerl hat mich gefragt, ob ich Rentner bin!

















Sommerpalais Greiz



Rentner? Ich? Meine bis dahin gute Laune, wir sind gerade eine Stunde durch den wunderbaren Greizer Park gelaufen, ist sofort wie weggeblasen ....  Rentner, ich??

Zum Glück bin ich noch keine 65, erst 64, aber meine Überzeugung, dass man mir mein Alter nicht ansehen möge, ist wie weggeblasen. 

Die Frage nach der "Vergünstigung" bleibt über die Monate unser geflügelter Spruch, wobei ich merke, dass wir ihn sehr unterschiedlich einsetzen.

Meine Frau gebraucht ihn immer mit einem leicht spöttischen Unterton, wenn sie von der für mich zu erwartenden "Vergünstigung" spricht, wenn ich davon spreche, hoffe ich auf ihren Widerspruch, zumindest den Trost dass es doch nicht so schlimm wäre, wenigstens, 'man ist so alt wie man sich fühlt', zumindest irgendeinen wenn auch nicht ernst gemeinten Trost. 

Sie tut es nicht! Also warte ich auf meine 'Vergünstigung', am 1. September soll es soweit sein. 

Und immerhin lese ich häufig: 'Sondertarif für Schüler, Studenten und Rentner....'