Neben Deutschland und Afghanistan ist wohl in den letzten hundert Jahren kein Land so durch Kriege gebeutelt worden, wie Vietnam.
Ich bin in Huè, strahlenblauer Himmel, man nennt es wohl Kaiserwetter, nicht die sonst übliche feucht-warme tropische Suppe.
Huè, die alte Kaiserstadt, in unmittelbarer Nähe zum Ozean, die „Stadt der Wohlgerüche“, darin, praktisch als Mittelpunkt, die frühere befestigte Residenz der vietnamesischen Kaiser, damals als es sich noch lohnte, daß Vietnam einen Kaiser hatte.
Alles scheint in der Stadt auf diesen Ort, nicht weit vom Ufer des „Flusses der Wohlgerüche“ oder auch „Parfüm-Fluß“, der ganz in der Nähe in den Pazifik münden wird, zuzulaufen. Einwohner, Touristen, Pilger, Neugierige treffen sich fast zwangsläufig und scheinbar täglich in der Anlage vor dem südlichen Mittagstor, dem Ngo Mon. Das trotz mehrfacher Zerstörungen noch immer sehr imposante Bauwerk ließ sich Nguyen Anh, der 1802 das zerstrittene Vietnam wieder vereinigt und als Kaiser Gia Long den Thron bestiegen hatte, als Tribut errichten.
Huè ist die alte, die tatsächliche Metropole, nicht die Millionenstädte Hanoi, nicht Saigon sind der historische Mittelpunkt Vietnams, es ist das kleine, beschauliche Huè mit seinen lediglich rund 250000 Einwohnern.
Ngo Mon, das südliche Mittagstor, am großen gepflasterten Platz vor der kaiserlichen Residenz mit seinen geschwungenen Dächern, ist bevölkert von Touristen, Rucksacktouristen, Wanderern, Radfahrern, Einheimische, ein buntes heftiges Treiben und trotzdem scheint eine große Ruhe über dem Ganzen zu liegen. Bettlern, die sonst in Vietnam zum Straßenbild gehören, begegnet man auf diesem Platz nicht, sei es Ehrfurcht, sei es die mir nicht erkennbare Gegenwart der Staatsmacht.
Eine Ausnahme, auf der linken Seite des Platzes, unmittelbar dort, wo die meisten Besucher auf die drei Durchgänge des großen Torbaus zugehen, sitzt ein einzelner Mensch auf dem staubigen Boden, ein Mann aus Huè. Die vielen Menschen, die sich um in herum bewegen, scheint er, auf seiner alten löchrigen, schmutzigen Decke sitzend, nicht wahrzunehmen.
Ein alter Mann, ein tief zerfurchtes Gesicht, sehr braun, den Rücken wie kraftlos gebeugt, ein auf den Boden gerichteter Blick, aus irgend einem Grunde vermute ich müde, resignierende Augen, eine noch erschöpftere Körperhaltung, die sich aber ändert, als er, ohne wirklich aufzusehen, mein Interesse an ihm zu bemerken scheint. So als wäre er doch nicht müde, sondern wach, immer hellwach. Er blickt zuerst um sich, blitzschnell nach beiden Seiten, bevor sein Blick für einen kurzen Moment an mir hängen bleibt. Aufmerksam, abschätzend, aber auch beunruhigend, zumindest fühle ich mich so. Ein feines Spiel um seine Mundwinkel, dann geht sein Blick wieder in Richtung Boden.
Es fällt mir schwer meinen Blick abzuwenden, trotzdem ich das Gefühl habe, er müsse sofort merken, daß ich ihn neugierig anstarre, eigentlich ist es mir unangenehm. Narben in seinem Gesicht, Narben auf dem Kopf auf der einen Seite, auf der anderen Seite einige kleine Büschel schlohweisen Haares, verloren wie stachliges Gras an einem stillgelegten Bahndamm. Seine rechte Hand, narbig kaum zu gebrauchen, dort, wo seine Finger sein müßten, nour noch kurze schwarze Stummel sind, lediglich ein Rest des Daumens ragt daraus hervor. Das rechte Bein endet am Knie, das leere Hosenbein liegt neben ihm schlaff auf der Erde.
Vor ihm, so als müsse er aufmerksam darüber wachen, liegen einige Gegenstände, die offenbar zum Verkauf vorgesehen sind, ein alter Fotoapparat, dem ich eine Funktion nicht mehr zutraue, einige Kleidungsstücke, auffallend bunte Postkarten und in einer halbrunden Metallschale bunte, geschliffene Steine, die einen echten Kontrast zu den übrigen, wertlosen Dingen bilden.
Ich gehe einige Schritt auf ihn zu, er hebt wieder den Blick, nickt mir zu und fährt mit einer erhabenen Geste über die ausgebreiteten Dinge, als wolle er mich einladen, etwas zu kaufen.
Es ist eine seltsame Situation, eigentlich möchte ich mich ungesehen davonstehlen, um dem beklemmenden Gefühl zu entgehen, andererseits fühle ich mich von ihm angezogen, fast automatisch gehe ich zu ihm hin, setze mich neben ihn in den Staub des Platzes vor dem südlichen Mittagstor der kaiserlichen Residenz in der alten Hauptstadt von Vietnam, neben den Mann aus Huè.
Die Perspektive ist ungewohnt, gerade noch oben, zwischen den vielen Menschen, mit dem erhabenen Gefühl des Touristen, der aus einem offensichtlich sehr armen Land jederzeit wieder abreisen kann, finde ich mich plötzlich in Bodennähe, sehe die Menschen um mich herum lediglich noch bis in Höhe der Taille, sehe Füße, große, kleine, mit Schuhen, billige, teure, aber auch barfuß. Ich sehe, wie die Beine um mich, um uns herum, einen Bogen machen, so wie auch ich am liebsten einen Bogen um den auf dem Boden sitzenden Mann gemacht hätte. In dieser Position fühle ich mich schon als Teil von ihm, wir.
Verlegen, ob seiner Nähe und der neuen Perspektive nach den Postkarten fassend, spüre ich wieder den Blick auf mir, hellwache Augen in dem alten zerfurchten Gesicht, jugendlich anmutend und trotzdem bin ich mir sicher, daß der Mann über 50 sein muß. Er spricht mich an, eine für einen Asiaten tiefe Stimme, glasklares English, sodaß ich mich mit meinem holprigen Schulenglisch sofort wieder zu schämen beginne. Einige Floskeln, „ach, deutsch?“, ich sehe wahrscheinlich völlig entgeistert aus, er berichtet, daß er einige Jahre in der früheren DDR gelebt hat, nach dem Krieg, nach seiner Verwundung, und dort hat er deutsch gelernt, er nennt es „die Sprache meiner Retter“.
Nach einigen Minuten beginnt er die Utensilien um sich herum zusammen zu lesen, unter dem leeren Hosenbein zieht er einen Beutel mit dem Aufdruck einer europäischen Arzneimittelfirma hervor, schlichtet alle Dinge sorgsam hinein, es sind seine Werte. Die halbrunde Metallschale nimmt er, nachdem er sich aufgerichtet und einen Stock gegriffen hat und hängt sie sich mit einem alten Lederband über die Schulter, den Beutel über den Stummel der rechten Hand, meine hilflose Geste ihm irgendwie helfen zu wollen, wehrt er stumm, aber sehr bestimmt ab.
Erst in diesem Moment sehe ich, daß es ein Stahlhelm ist, der jetzt über seiner Schulter hängt, die typisch amerikanische Form. Meinen Blick begegnet er mit einem einzigen Wort: “Später...“.
Ohne noch ein weiteres Wort mit mir gesprochen zu haben, geht er los, wie an einem Band gezogen laufe ich hinter ihm her.
Nach einigen Minuten, in der Straße 'Nguyèn Trai' betritt er einen Hausflur durch eine klapprige, schief hängende und laut quitschende Tür, so als müsse sie ein Signal geben, daß ein Fremder kommt.
Es ist dunkel, heftige, für meine Nase ungewohnte Gerüche, die „Stadt der Wohlgerüche am Parfümfluß“, ein dunkler, enger Hinterhof, Frauen, Kinder, Abfalltonnen, loser Abfall, Wäsche, wieder ein Durchgang, der nächste, noch engere Hinterhof. Er weist mit einer großzügigen Geste des versehrten Armes auf eine offene Tür, bittet mich hinein. Ein einzelnes Zimmer, eng, ein kleines Fenster, Tisch, ein altes Sofa, ein Stuhl, ein Bett mit einer bunten Decke darüber, ein kleiner Schrank, darauf ein Wasserkocher und ein kleine elektrische Herdplatte. Auf den ersten Blick fällt mir auf, trotz der erkennbaren, spürbaren, fühlbaren Armut ist alles sehr sauber, er sieht mich an, ich glaube ein Schmunzeln in seinem zerfurchten Gesicht zu erkennen, und als könne er meine Gedanken lesen: „Ich war in Deutschland...“. Ich fühle mich wieder ertappt!
Er läßt es sich nicht nehmen, mir trotz seiner Behinderung mit einer faszinierenden Schnelligkeit einen Tee zu bereiten, zeigt mir Fotos, als Kind, von ihm als jungen Mann, in Uniform, Fotos vom Krieg mit den Amerikanern, Fotos vom Wiederaufbau von Hue, ich frage nach seiner Familie, er schüttelt den Kopf, ein schmerzliches Zucken um seinen Mund: „Der Krieg...“.
Nach einer Pause spricht er vom Krieg, vom Krieg zwischen Vietnamesen, vom Krieg mit den Amerikanern, den er zuerst auf Seiten der südvietnamesischen Armee, später als sich das Morden immer länger hinzog und das Land völlig in Trümmern lag, auf der Seite Nordvietnams mit geführt hatte. Er spricht über Kämpfe, über unfaßbare menschliche Gräuel, wie sie das halbe Land unterhöhlt hatten, um den Nachschub von Nordvietnam in den Süden zu bringen, über die Bombardements der Amerikaner, über seine Napalmverbrennungen durch amerikanische Bomben, über Tote, Verstümmelte, Männer, Frauen, Kinder. Darüber, daß es in Vietnam nach Ende des Krieges in 1975 kaum noch Männer gab, fast mechanisch spricht er darüber, daß die meisten Männer tot waren, erschossen, verbrannt, irgendwie einfach umgebracht. Junge Männer, alte Männer, Ledige, Familienväter, „Und warum?“. Die Frage bleibt im Raum stehen, er weiß und er erwartet darauf keine Antwort.
Er spricht darüber, daß auch er gekämpft hat, nicht aus Ideologie, er hat gekämpft, um zu überleben. Es wäre ihm gleich gewesen, wer diesen Krieg gewonnen hätte, er hat sich nur gewünscht, daß er bald zu Ende sein sollte. Und als er dann 1975 zu Ende war, konnte er mit sich – bis heute - nichts mehr anfangen.
Ich erinnere mich an den Stahlhelm, der jetzt am Kinnband neben der Tür hängt, zeige darauf, sehe ihn fragend an. Stockend beginnt er darüber zu sprechen, eine amerikanische Einheit hatte während der Kämpfe in der sogenannten Tet-Offensive 1968 seinen Heimatort Phong An in der Nähe von Huè besetzt, er war unterwegs um Nahrung zu beschaffen. Früher, zu Beginn des Krieges mit dem Norden war er Offizier in der südvietnamesischen Armee gewesen, als er jetzt zurückkam war sein Haus abgebrannt, seine Familie war tot.
Ein Nachbar zeigt ihm auf seine Fragen den kommandierenden amerikanischen Offizier, in der folgenden Nacht tötet er ihn mit einem Messer aus dem Hinterhalt, ein Stich in den Hals, schnell, effizient, lautlos, so wie man es ihm in der südvietnamesischen Spezialeinheit gelernt hatte. Der Stahlhelm des Amerikaners ist seine Trophäe als er in der gleichen Nacht noch im Busch verschwindet, „es war noch sein Blut dran“, später wird es seine Eintrittkarte für die NLF, die National Liberation Front. Erst sehr viel später würde er hören, daß er ab diesem Tag international zu den Viet Cong gezählt wurde, daß er auf Seiten der Kommunisten gegen die Freiheit gekämpft hätte, es ist ihm gleich, er hat seine Familie verloren, in einem Krieg, der nicht der seine war und von dem er bis heute nicht sagen kann, warum er eigentlich geführt wurde.
Ich nehme den alten Stahlhelm vom Haken, darin am verschwitzten Leder des Stirnbandes ist noch teilweise der Name des amerikanischen Offiziers zu lesen, ich beginne, leise vor mich hin sprechend einen Familiennamen irischen Ursprungs zu entziffern, er tritt mit einem entschlossenen Blick auf mich zu, nimmt ihn mir vorsichtig aber sehr bestimmt wieder aus der Hand, so als könne er zerbrechen, hängt ihn an den Nagel zurück, „Du mußt es nicht wissen, wir haben beide nicht gesiegt und wer von uns hat es jetzt besser?“
Diese Frage können wir nicht beantworten, aber er ist ein Mensch geblieben, der Mann aus Huè. Ob die, die diesen Krieg angezettelt und verantwortet haben, eine Antwort wissen? Ich glaube es nicht!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen